Kommunikative Kaiserin

In vordigitalen Zeiten erledigte Auguste Viktoria viel Korrespondenz – Jetzt tauchten 1000 Briefe auf

24.08.18
Ein Haufen Post: Die Auswertung der Korrespondenz wird noch Jahre dauern Bild: Friedrich

Beim Aufbau zur Ausstellung „Kaiserdämmerung“ gab es im Potsdamer Neuen Palais einen Sensationsfund. 1000 Privatbriefe aus dem Besitz der letzten deutschen Kaiserin Auguste Viktoria, die 130 Jahre lang unberührt in einem geheimen Wandschrank lagen, hat man jetzt entdeckt.

Das Ende der Monarchie, Um­zug des Kaiserpaares ins niederländische Exil, randalierende No­vemberrevolutionäre, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Beutetruppen der Roten Armee, die Gründung der DDR mit Verbannung allen Preußentums und schließlich umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen am Schloss seit der „Wende“ – nichts von alledem konnte dem Geheimnis etwas anhaben. Hunderttausende Besucher schlenderten ahnungslos an diesem Schatz vorbei.
Samuel Wittwer, Sammlungsdirektor bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG), hatte den Juwelentresor der Kaiserin Auguste Viktoria (1858–1921), der sich hinter einer unscheinbaren Schiebetür in ihrem Ankleidezimmer befindet, Ende 2017 erstmals wahrgenommen. Der Schlüssel zur Stahltür des Safes, den das Kaiserpaar erst 1903 installieren ließ, ist verschollen. „Kein lebender Mensch hat diesen Tresor jemals geöffnet gesehen“, so Wittwer. Vier Versuche, diesen denkmalgerecht zu öffnen, scheiterten.
Mithilfe einer Endoskop-Kamera konnte durch eine Öffnung das Innere erforscht werden, wobei sich herausstellte, dass er leer ist. Umso erstaunlicher war, als man darüber ein Geheimfach hinter einer Holztür entdeckte. Darin enthalten waren: zwei Kisten aus Eichenholz, eine Lederschatulle mit dem Monogramm Auguste Viktorias und eine Dokumentenmappe. Alles so, wie es vor 130 Jahren dort hineingestellt wurde.
„Für uns ist dieser Fund viel bedeutender als Juwelen“, so Wittwer, denn es sei die Ge­schichte einer bedeutenden Person. Familiäre und eventuell politische Vernetzungen herauszuarbeiten werde sicher äußerst spannend. Es handelt sich dabei um private Korrespondenz an die Kaiserin, verpackt in zwei be­schrifteten Kisten, von denen eine noch verschlossen und versiegelt ist. Auf der verschlossenen von 1888 ist zu lesen „I.K.H. Enthält Familien-Briefe und Briefe von und über die kleinen Prinzchen“, womit die damals noch kleinen Söhne des Paares gemeint waren.
Die andere Kiste war 1886 gepackt und verschlossen, jedoch wohl wieder geöffnet worden. Darin befinden sich Briefe an die damalige Prinzessin aus den Jahren 1883 bis 1886. Die Briefe sind nach Absendern sortiert, in 67 dicke Kuverts verpackt und original versiegelt mit dem in rotem Wachs eingedrückten Allianzwappen Preußens und Schleswig-Holsteins. Dieses deutet auf die Kaiserin geborene Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg als Besitzerin.
Etwa 400 Briefe stammen von den Schwiegereltern, einem Onkel, der Mutter, einer ihrer Schwestern, der Oberhofmeisterin Theres Gräfin von Brockdorff und vom Erzieher Wilhelms II., Georg Ernst Hinzpeter. Die Schatulle, mit blauer Seide ausgekleidet, enthält Briefe, Schreibfedern und getrockneten Lorbeer.
Bemerkenswert hierbei sind die Briefe der Königin von England und „Die letzten Briefe der Kaiserin Augusta an mich Nov-Dec 1889“, womit die Großmutter ihres Mannes gemeint war. Die Kaiserin hat alles selbst beschriftet und versiegelt. Sie wollte eventuell nicht, dass diese Briefe jemand liest. Nach juristischer Abklärung ergab sich, dass der Fund Eigentum der Stiftung ist.
Prinz Wilhelm von Preußen und Auguste Viktoria heirateten 1881 und bewohnten zunächst das Marmorpalais und das Stadtschloss in Potsdam. Als Kaiserpaar bezogen sie 1889 das Neue Palais, wobei vermutlich die Kisten in dem Gelass verstaut wurden. Als die kaiserliche Familie 1918 ins Exil umsiedelte, ließ die Kaiserin die Briefe zurück. Vielleicht versehentlich in der Annahme, diese seien schon verladen. Bis 1926 gab es Abtransporte des Eigentums der kaiserlichen Familie. Die Briefe wurden übersehen oder zurückgelassen.
Besucher haben die Möglichkeit, diesen Fund im Rahmen der laufenden Ausstellung in einer Vitrine anzuschauen. Danach folgt die wissenschaftliche Auswertung in Zusammenarbeit mit dem Geheimen Staatsarchiv. Vorstellbar ist eine Edition der Briefe zum 100. Todestag der Kaiserin 1921. Die Familie der Hohenzollern wurde eingeladen, an der Aufarbeitung teilzunehmen.
Bisher wurden nur vier Briefe gelesen, deren Kuverts geöffnet waren. Inhaltlich geht es um private Dinge, wie die Erkrankung eines Sohnes oder Strick­muster, die Auguste Viktoria mit einer Schwester austauschte. Es habe auch etwas mit Pietät zu tun, so Wittwer, Siegel nicht einfach so zu brechen. Man werde die Kuverts öffnen, ohne sie zu beschädigen.
Der Nachlass im Geheimen Staatsarchiv in Berlin über die Kaiserin sei sehr klein, so Kurator Jörg Kirschstein. Kriegsbriefe von ihrem Mann habe sie im Neuen Palais verbrennen lassen. Daher werden die Erkenntnisse aus diesem Fund vielleicht sogar einen ganz neuen Blick auf die Kaiserin erlauben.    Silvia Friedrich
Die Ausstellung „Kaiserdämmerung“ läuft noch bis zum 12. No­vember.


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