Lügenfresse

Warum uns der Relotius-Skandal übel in die Quere kommt, wie Ausgewogenheit geht, und wo solche Pflanzen am besten gedeihen / Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel

05.01.19

Schlimmer hätte es kaum kommen können. Verantwortungsbewusste Journalisten und Politiker versuchen den Schaden zu begrenzen und mahnen, den Fall des „Spiegel“-Reportes Claas Relotius nicht für Schadenfreude über das Hamburger Magazin auszunutzen, man könnte auch sagen, zu „instrumentalisieren“. Diese Versuche sind bitter nötig.
Die Affäre um die „Lügenfresse“ von der Elbe (wir, also die PAZ, sitzen an der Alster, also keine falschen Vergleiche) platzt schließlich mitten hinein in den Titanenkampf gegen „Fake News“, den Regierung und „Qualitätsmedien“ seit Jahren mit Leuten führen, die schreiben, was das Regierungslager nicht lesen will. Immer wieder wurde auf die wichtige Torwächter-Funktion der „Qualitätsmedien“ verwiesen. Soll heißen: Die Abweichler, zumal die freien Schreiber im Internet, blasen jeden Mist ungeprüft in die Öffentlichkeit und „hetzen“ sogar, während die „Qualitätsmedien“ alles erst genauestens prüfen und ausgewogen berichten, weshalb man nur ihnen glauben darf.
Die knallharte Teilung des Volkes in ein helles und ein dunkles Deutschland, mit welcher schon Bundespräsident Gauck die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden trachtete, war mit dieser Erzählung perfekt in den Markt von Informationen und Meinungen übernommen worden. Die Welt war klar und schön geordnet. Dann kam Claas Relotius und sprengte alle Gewissheit in die Luft.
Wie konnte das nur passieren, fragen die Blamierten so laut wie möglich in der Hoffnung, dass bei ihrem Lärm keiner die Antwort hört, welche uns die Dachspatzen längst in die Ohren pfeifen: Relotius lieferte den Junkies der Politischen Korrektheit genau den grünlinken Stoff, nach dem sie süchtig sind und der sie alle Wirklichkeit vergessen, ja verachten lässt.
Deswegen ließen sie sich das Zeug direkt an die Venen anschließen, ohne einmal das Hirn einzuschalten und nachzuprüfen, ob die Geschichten überhaupt stimmen können. Sie waren zu schön, um „Fake“ zu sein.
Da beschreibt Relotius etwa, wie er sich mit einem Arbeiter aus einem Kohlekraftwerk im US-Städtchen Fergus Falls unterhalten habe. Nebenbei: Die Stadt präsentiert er als ausländerfeindliche Dumpfbackenhöhle und damit als Paradebeispiel dafür, was für Viecher die Trump-Wähler seien.
Mit dem vermeintlichen Kraftwerksarbeiter (der in Wahrheit als Paketbote tätig ist) will er im „Viking Café“ gesessen haben, durch dessen Fenster die beiden das Kohlekraftwerk hätten sehen können.
Zumal in den USA kann man bald jedes Kaff übers Internet virtuell abschreiten, so auch Fergus Falls. Das „Viking“ ist schnell gefunden, es handelt sich um einen fast fensterlosen langen Schlauch mit sehr kurzer Straßenfront. Nur vier bullaugenartige Öffnungen erlauben einen Blick auf die Lincoln Avenue.
Durch die Bullaugen kann man jedoch bloß die gegenüberliegende Häuserfront sehen, aber kein Kraftwerk. Selbst wer vor dem Café, einem US-typischen „Diner“, steht, sieht nichts von dem Werk. Die Geschichte konnte so also gar nicht stimmen. Das hätte der „Spiegel“ leicht herausfinden können, was den dringenden Verdacht nahegelegt hätte, dass der Reporter nicht ganz sauber arbeitet. Die Prüfung blieb aus.
Schade, aber zumindest können wir uns damit trösten, dass ab sofort alles besser wird. Quer durch die Bahn beschwören „Qualitätsmedien“ angesichts des Skandals ihre Selbstverpflichtung, wahrheitsgetreu und ausgewogen zu berichten. Ein leuchtendes Beispiel dafür präsentiert uns das Münchener Konkurrenzorgan des „Spiegel“ mit einem Artikel über Kandel.
Dort war am 27. Dezember 2017 die 15-jährige Mia von einem afghanischen Asylsucher getötet worden. Seitdem kommt es in der pfälzischen Kleinstadt allmonatlich zu Protestkundgebungen gegen Merkels Einwanderungspolitik unter dem Motto „Kandel ist überall“. Und zu linken sogenannten Gegendemos gegen die Bürgerproteste.
Schon die Überschrift des Kandel-Beitrags im „Focus“ glänzt vor strikter Ausgewogenheit, sie lautet: „Die rechte Szene terrorisiert den ganzen Ort.“
Das ist ein Zitat von SPD-Bürgermeister Volker Poß. „Die Bewohner“, so schreibt das Magazin, sprächen von „importierter Empörung“. Aber der Widerstand gegen die „politische Instrumentalisierung“ des gewaltsamen Todesfalls sei „im Ort gewachsen“. Das Bündnis „Wir sind Kandel“ sei entstanden gegen den „Hass rechter Netzwerke“.
Zur Erinnerung: Für die erste „Wir sind Kandel“-Gegendemo mobilisierten  die Landeschefs von SPD, Grünen, FDP und Linkspartei, Gewerkschaften, Kirchen etc.           − also das bekannte „breite Bündnis“ − Teilnehmer in ganz Rheinland-Pfalz. Doch auf geheimnisvolle Weise waren diese Fernreisenden alle vorher schon „im Ort“ gewesen? Erstaunlich.
Ein „Focus“-Leserbriefschreiber, der nach eigenen Angaben in Kandel arbeitet, erlebt die Dinge etwas anders. Viele Kandeler würden bei den „Kandel ist überall“-Protesten gern mitlaufen. Sie täten das aber nicht, weil sie Angst davor hätten, in dem kleinen Ort „zum Gespräch zu werden“. Nicht alle Bürger von Kandel seien gegen die Demos. Gegner seien hauptsächlich Geschäftsleute, die um ihre Einnahmen bangten.
Und wie ist es mit dem „Terror“ der Rechten? Dazu schreibt der Mann: „Wenn es bei diesen Demos zu Gewalt kam, dann immer nur durch die linke Szene.“ Da versteht man, warum so viele Medien ihre Kommentarbereiche im Internet abschalten − wenn man da sowas zu lesen bekommt!
Bürgermeister Poß wie auch der „Focus“ kritisieren vor allem die „politische Instrumentalisierung“ des Todes von Mia durch die „rechte Szene“. Der Vorwurf der „Instrumentalisierung“ ist häufig zu hören in letzter Zeit. Dabei ist er noch relativ neu. Bis vor wenigen Jahren war er in der deutschen Debatte sogar nahezu unbekannt, oder zumindest nur sehr selten in Benutzung.
Das hatte natürlich gute Gründe. Welcher Schuft wäre schon auf die Idee gekommen zu behaupten, die Öko-Bewegung „instrumentalisiere“ Umweltschäden, um gegen den Kapitalismus zu stänkern? Wer hätte der Arbeiterbewegung je vorgeworfen, sie „instrumentalisiere“ soziale Ungerechtigkeit nur, um Unternehmer schlechtzumachen? Solche Unterstellungen hätten wir mit Empörung zurückgewiesen!
Das galt bis vor Kurzem auch für das Problemfeld Einwanderung und Asyl. Als vor gut vier Jahren der 20-jährige Asylsucher Khaled B. in Dresden erstochen wurde, füllten sich die Straßen schnell mit Tausenden von Demonstranten, die den Rassismus der Deutschen und namentlich des damals noch sehr jungen Dresdener Pegida-Bündnisses in die moralische Haftung für den Tod des jungen Mannes nahmen. Die Welle von Trauer und öffentlicher Wut war ebenso uferlos wie der Wille, moralisch Schuldige an den Pranger zu stellen.
Von einer „politischen Instrumentalisierung“ durch „linke Hetzer“ redete dennoch niemand. Das war einfach noch nicht in Mode. Als dann herauskam, dass Khaled nicht von einem Deutschen, sondern von einem ebenfalls asylsuchenden Landsmann erstochen worden war, ebbten Wut und Trauer schlagartig ab. Irgendwie schien die Tragödie des 20-Jährigen niemanden mehr zu rühren, nachdem aus seinem Schicksal politisch nichts mehr „gegen Rechts“ zu schnitzen war. Selbst in diese aufschlussreiche Stille hinein wagte kaum einer zu fragen, ob die laute Trauer vorher womöglich nicht ganz aufrichtig gemeint war.
Im Treibhaus einer solchen Moral gedeihen Pflanzen der Gattung Relotius ganz fabelhaft und werden von allen bewundert. Nur hier können Artikel wie der über den „Terror“ von Kandel die bunten Blüten ihrer unbestechlichen Ausgewogenheit treiben. So freuen wir uns schon heute auf viele weitere Gewächse dieser Art.


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