»Mit Rebellen verhandelt man nicht«

Vor 100 Jahren schoss CSR-Militär auf deutsche Zivilisten, die friedlich für ihr Selbstbestimmungsrecht demonstrieren wollten

04.03.19
In Kaaden an der Eger war die Zahl der Todesopfer mit 25 am höchsten: Gedenkstätte für die Toten in der Stadt Bild: SchiDD

Zu Recht hat der Bundesverkehrsminister und Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft Hans-Christoph Seebohm die Erschießung von 54 Su­de­ten­deut­schen durch tschecho­slo­wa­kische Soldaten am 4. März 1919 zu einer „Kette von Ereignissen“ gezählt, die zum „Ausbruch des Zweiten Weltkrieges führten“. Für die Sudetendeutschen wurde der 4. März als „Tag der Selbstbestimmung“ zu einem Gedenktag.

Am 21. Oktober 1918 konstituierte sich in Wien die Provisorische Nationalversammlung für die neue Republik Deutschösterreich. Acht Tage später proklamierten deren deutsche Abgeordnete aus Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien in Ausübung ihres Selbstbestimmungsrechts die deutschösterreichischen Provinzen Deutschböhmen und Sudetenland. Einen weiteren Tag später erklärte die Provisorische Nationalversammlung Deutschösterreich zum integralen Bestandteil des Deutschen Reiches. Im Widerspruch zum Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde der formelle Beitritt später durch das Anschlussverbot der Siegermächte in den Diktaten von Versailles für das Deutsche Reich und Saint-Germain für Österreich verhindert.
Ebensowenig kam der am 22. November verkündete Anschluss von Deutschböhmen und Sudetenland an Deutschösterreich zustande. Denn die am 28. Ok­tober 1918 ausgerufene Tschechoslowakische Republik (CSR) beanspruchte diese Gebiete für sich, obwohl dort mehr als drei Millionen Deutschen nur rund 160000 Tschechen gegenüberstanden. Auf deutsche Proteste deswegen antwortete der tschechoslowakische Justizminister Alois Rašín: „Das Selbstbestimmungsrecht ist eine schöne Phrase – jetzt aber, da die Entente gesiegt hat, entscheidet die Gewalt … Mit Rebellen verhandelt man nicht.“
Und tatsächlich waren 30 tschechische Regimenter unter dem Befehl von Feldmarschall-Leutnant Jan Diviš schon ab dem 31. Ok­tober 1918 dabei, die Gebiete zu besetzen, deren Bevölkerung mit übergroßer Mehrheit zu Deutschösterreich beziehungsweise Deutschland gehören wollte. Dem vorausgegangen war die Aufforderung des tschechoslowakischen Außenministers Edvard Benesch, noch vor Beginn der Pariser Friedenskonferenz „ohne großen Lärm“ vollendete Tatsachen zu schaffen. Dabei schreckte Prag auch vor Gewalt nicht zurück, wie die Ereignisse in Ortschaften wie Brüx, Kaplitz, Eger oder Mährisch Schönberg zeigen. Dort setzte das tschechische Militär teilweise Artillerie ein oder nahm deutsche Zivilisten als Geiseln, um den Widerstand gegen den Einmarsch zu brechen. Dabei gab es insgesamt 20 Tote.
Während die Kämpfe noch im Gange waren, erklärte der tschechoslowakische Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk am 22. Dezember 1918 in seiner Antrittsbotschaft vor der Nationalversammlung in Prag: „Die von den Deutschen bewohnten böhmischen Gebietsteile sind und bleiben unser … Wir haben diesen Staat erkämpft, und die staatsrechtliche Stellung unserer Deutschen, die einst als Immigranten und Kolonisten hierher gekommen sind, ist damit ein für allemal festgelegt.“
Unter Bezug auf diese ausnehmend dreiste Geschichtsklitterung wurde den Deutschen in der CSR verwehrt, ihre Stimme bei der Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung Deutsch­österreichs am 16. Februar 1919 abzugeben. Trotzdem hofften die Sudetendeutschen weiter auf die Einlösung der Versprechungen aus Woodrow Wilsons 14-Punkte-Programm durch die Siegermächte, beschlossen nun aber zugleich, ein deutliches Zeichen zu setzen. Zumal sie jetzt auch noch bei der Umstellung von der bisher geltenden österreichisch-ungarischen Kronenwährung auf die tschechische Krone benachteiligt wurden. Die Initiative zu dem Protest ging von den sudetendeutschen Sozialdemokraten unter Josef Seliger aus. Diese verfügten über zahlreiche Anhänger unter den Deutschböhmen und Sudetenländern und riefen in Abstimmung mit den anderen Parteien für den Tag der Eröffnungssitzung der Konstituierenden Nationalversammlung in Wien, den 4. März 1919, zu einem Generalstreik der deutschen Arbeiter in der CSR und zu Massenkundgebungen „für das Selbstbestimmungsrecht“ auf. Dabei trieb sie die Hoffnung, dass das seine „Wirkung auf die Völker des Westens nicht verfehlen“ werde.
Infolgedessen kam es am 4. März zu großen Demonstrationen von Hunderttausenden Deutschen, bei denen Spruchbänder wie „Gegen Fremdherrschaft und Unterdrückung“ mitgeführt wurden. Obwohl die Protestierenden überall friedlich auftraten, begann das tschechische Militär kurz nach Mittag in mehreren Orten gleichzeitig und ohne jedwede Vorwarnung in die Menge zu schießen – was auf einen entsprechenden allgemeinen Befehl von oben hindeutet.
Zum Einsatz gelangten dabei nicht nur Maschinengewehre, sondern auch mit giftigen Substanzen präparierte Munition und durch die Haager Landkriegsordnung verbotene Dum-Dum- beziehungsweise Deformationsgeschosse, die extrem tiefe und großflächige Wunden rissen. Alles in allem starben durch den völlig unprovozierten Schusswaffeneinsatz in Kaaden, Sternberg, Arnau, Aussig, Eger, Mies und Karlsbad 54 Sudetendeutsche, darunter 20 Frauen und drei Kinder. Weitere 750 Menschen wurden verletzt, 112 davon schwer.
Vier Tage später beschuldigte Benesch in einer Note an den französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau die Bolschewiki der Aufwiegelung der Deutschen. Obwohl dies ganz offensichtlich Unfug war und der tschechische Rechtsbruch jedermann ins Auge stach, wie zahlreiche ausländische Pressestimmen aus jenen Tagen beweisen, bekam die CSR die deutschösterreichischen Provinzen Deutschböhmen und Sudetenland am 10. September 1919 im Frieden von Saint-Germain zugesprochen. Hierdurch wurden die dort lebenden Deutschen formell zu Staatsbürgern der Tschechoslowakischen Republik. Damit erwies sich Wilsons vollmundige Proklamation des Selbstbestimmungsrechtes der Völker einmal mehr als Makulatur.
Im Anschluss an die Annexion der Regionen, die eigentlich zu Deutschösterreich beziehungsweise Deutschland gehören wollten, und die völkerrechtliche Absegnung dieses brutalen Vorgehens durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges begann eine rigide Tschechisierung von Deutschböhmen und Sudetenland, die das Unrecht von 1919 fortsetzte und die CSR zunehmend in einen selbstverschuldeten Konflikt mit dem Deutschen Reich brachte, der schließlich eskalierte.    Wolfgang Kaufmann


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