Präzise Sumpfvermessung zur »Denunziation«

06.03.19

Ist die Bundesrepublik Deutschland eine Denunzianten-Republik? Der saarländische Germanist und Historiker Professor Günter Scholdt, jahrelang Leiter des Saarbrücker „Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass“, bejaht diese Frage. Er hat dazu eine brillante 230-seitige Analyse als gut lesbares Taschenbuch vorgelegt, das unter dem Titel „Anatomie einer Denunzianten-Republik: Über Saubermänner, Säuberfrauen und Schmuddelkinder“ kürzlich im Lichtschlag-Buchverlag erschienen ist. Es gleicht einer präzisen Sumpfvermessung von Fehlentwicklungen in der Kommunikations-(un)kultur unseres Landes und liefert übersichtlich dargestellte Belege für seine – leider – sehr realistischen Thesen.
Im Zentrum des Buches steht die Beschreibung einer skandalösen Paradoxie: Ein Staat, der sich in Tausenden öffentlicher Stellungnahmen als Gegenentwurf zum Dritten Reich definiert, ist gleichzeitig zu einem Eldorado für „Tugendterroristen“, „Begriffsfälscher“ und „Prominenten-Jäger“ verkommen. In zehn Hauptkapiteln führt der Autor seine Beweise vor, wobei die denunziatorischen Sumpfblüten-Phänomene in originelle Unterkapitel aufgeteilt sind. Sie informieren dann zum Beispiel über eine „moralpolitische Dienstleistungsbranche“, machen „Schmuddelkinder der Republik“ bekannt, gehen auf „Profiteure“ der üblen Nachrede ebenso ein wie auch auf wichtige Beispiele von „Prominenten-Jagd“.
Insbesondere im letztgenannten Kapitel kann der interessierte Leser sich nochmals wichtige Opfer-Persönlichkeiten vor Augen führen, die in der Vergangenheit den Weg zur Denunzianten-Republik pflasterten: Es werden Kampagnen und ihre ausgrenzenden Wirkungsweisen beschrieben, die mit Namen verbunden sind, die bei der Thematisierung der strittigen Sachverhalte wieder im Gedächtnis auftauchen: Scholdt erinnert unter anderem an die Fälle Fritz Tobias, der im Zusammenhang mit der Urheberschaft des Reichstagsbrandes zu „volkspädagogisch unwillkommenen“ (Golo Mann) Ergebnissen kam, der Fall Ernst Nolte mit dem berühmt-berüchtigten Historikerstreit (Jürgen Habermas) wird erwähnt, es folgen die bekannten Skandale um Philipp Jenninger, Martin Walser, Martin Hohmann, Günter Grass, Eva Hermann, Akif Pirincci, Rolf Peter Sieferle und – zuguterletzt – der „Extremfall“ des erfolgreichsten Sachbuchautors im Nachkriegsdeutschland mit dem Namen Thilo Sarrazin. Der ehemalige Berliner Finanzsenator und Bundesbanker löste ja bekanntlich durch sein realistisches Grundlagenwerk „Deutschland schafft sich ab“, in dem er die verhängnisvolle Finalität der offiziellen Immigrationspolitik zutreffend beschrieb, seit 2010 eine Art Dauer-Schnappatmung im tonangebenden rot-grünen Meinungsmilieu aus, die bis heute anhält. Diejenigen, die einst den rationalen Dialog mündiger Bürger als Erziehungsziel demokratischer Kommunikation propagierten und sich dabei vom Propaganda-Stil zweier deutscher Diktaturen à la Drittes Reich und DDR abzugrenzen vorgaben, erwiesen sich als offenbar unfähig, eine faire, freie und offene Dis-kussion über politisch-unkorrekte Inhalte zuzulassen.
Die heruntergekommene heutige SPD versucht gerade erneut, ihr prominentes Parteimitglied Sarrazin mit einem Ausschlussverfahren loszuwerden, und zeigt damit nur, dass sie die Gründe für ihren Absturz in der Wählergunst immer noch nicht begriffen hat beziehungsweise wegen ihrer ideologischen Multikulti-Verblendung gar nicht begreifen kann.
Das mit wichtigen Quellenhinweisen versehene Werk, das uneingeschränkt zur Lektüre empfohlen wird, enthält als Appendix in der Kapitelfolge noch ein „Vortrags-Konzept für einen AfD-Redner im Deutschen Bundestag“. Man darf gespannt darauf warten, ob einer der oppositionellen AfD-Parlamentarier den originellen Ansprachenvorschlag aufgreift und sich der Autor Scholdt dann auch noch als Ghostwriter für die größte deutsche Oppositionspartei einen Namen gemacht haben könnte. Zu wünschen wäre es.
    Bernd Kallina

Günter Scholdt: „Anatomie einer Denunzianten-Republik. Über Saubermänner, Säuberfrauen und Schmuddelkinder“, Natalia Lichtschlag Buchverlag, Grevenbroich 2018, broschiert, 230 Seiten, 18,90 Euro


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