Schützt die Hintermänner!

Warum sie in Wien so schnell aufräumen mussten, was Maaßen so gefährlich macht, und was Timmermans vom Islam weiß / Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel

24.05.19

Leute, ist das aufregend! Über die Affäre um das Skandal-Video mit dem soeben zurückgetretenen österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache werden bald etliche Bücher erscheinen, die sich in die Hintergründe hineinwühlen oder aber als Nebelkerzen genau das verhindern sollen. Soviel wissen wir nämlich schon: Für den früheren Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), August Hannig, kann so eine Video-Falle nur ein Geheimdienst oder eine Truppe von ähnlichem Kaliber produziert haben.
Wir haben es also nicht mit einer kleinen Schmuddelei zu tun, sondern mit ganz großem Kino. Herrlich! Und solange wir noch nichts Genaues wissen, ist es unser gutes Recht, wild drauflos zu spinnen, was wir hier weidlich tun wollen.
Es ist ja schon auffällig, wie geschwind die Kanonenrohre weg von Strache auf seinen Parteifreund und Innenminister Herbert Kickl geschwenkt wurden. Der Mann wurde in Lichtgeschwindigkeit aus dem Ministeramt entfernt. Warum die Eile? Offizielle Begründung: Kickl könnte die Ermittlungen im Fall Strache hintergehen.
Es könnte aber auch ganz anders sein: Wir erinnern uns an die Hannig-Äußerung. Herbert Kickl hatte dem österreichischen Verfassungsschutz schon bald nach seinem Amtsantritt im Dezember 2017 eine Razzia ins Haus geschickt. Irgendetwas schien ihm faul zu sein bei den Wiener Schlapphüten. Wir dürfen sicher sein, dass der FPÖ-Minister seitdem ein scharfes Auge auf die Agentenbude gerichtet hat.
Waren seine Beamten womöglich kurz davor, jene Video-Produzenten aufzudecken, von denen August Hannig spricht? Da musste es natürlich alles zackzack gehen. Kickl musste so rasch wie möglich aus dem Amt gescheucht werden, damit die heiklen Ermittlungsergebnisse auf dem Tisch eines „loyalen“ Nachfolgers landen mögen, der sie pflichtbewusst in den Schredder schmeißt.
Dafür musste man das schöne Strache-Video leider opfern, das seit fast zwei Jahren in irgendeinem Tresor vor sich hin schmorte. Für die Macher ist das bedauerlich. Normalerweise hält man derlei Schmähkram dauerhaft unter Verschluss, um ihn gelegentlich als Erpressungskeule hervorzuholen. Die wirkt aber nur so lange, wie nur der Erpresste von ihrer Existenz weiß und fürchten muss, dass die Sache an die Öffentlichkeit gerät. Ist sie erst allgemein publik, ist der Erpresste zwar erledigt, aber eben auch nicht mehr erpressbar.
Die Frage, die zu solchen funkelnden Spekulationen führt, lautet eben nicht: Warum veröffentlichen die das dennoch? Sondern: Warum veröffentlichen die das ausgerechnet jetzt? Nur wegen der EU-Wahl? Kaum zu glauben: Österreich hat nur wenige Sitze im EU-Parlament. Ein, zwei Sitze weniger für die FPÖ verschieben da fast nichts.
Dass mutmaßliche Schnüffeleien der Kickl-Beamten die Hühner aufgescheucht haben, scheint da schon deutlich überzeugender zu sein. Jetzt muss es darum gehen, die Suche nach den Hintermännern des Videos um jeden Preis zu vereiteln.
Da ziehen zum Glück alle an einem Strang. Der CDU-Innenpolitiker Patrick Sensburg hat hinsichtlich der österreichischen Geheimdienste die Befürchtung geäußert, „dass die FPÖ die Behörden instrumentalisiert“. Unsere Rede! Andere Beteiligte mühen sich, einen alten Störenfried zur Räson zu bringen. Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen fordert, dass „schonungslos aufgeklärt“ werde, wer die „Hintermänner der Videofalle“ seien.
Die Hintermänner aufklären? SPD-Fraktionsvize Eva Högl ist zu recht alarmiert: „Was Herr Maaßen tut, ist mit dem Bundesbeamtengesetz und dem dort verankerten Mäßigungsgebot nicht zu vereinbaren.“ Högl droht Maaßen, der ja immer noch Beamter ist, mit harter Strafe, falls er nicht endlich die Klappe hält: Wenn er sich nicht mäßige, müsse Maaßen „mit Konsequenzen rechnen“. Er „überschreitet Grenzen“. Welche „Grenzen“ meint Högl? Vermutlich die gefährlichsten, nämlich die Grenzen zwischen Vertuschung und Wahrheit. So nennt Linkspartei-Chefin Katja Kipping den Herrn Maaßen denn auch folgerichtig „das am besten bezahlte Sicherheitsrisiko im deutschen Beamtenapparat“.
Maaßens Amtsnachfolger (und Gegenstück) Thomas Haldenwang hat ebenfalls alle Hände voll zu tun. Der oberste deutsche Verfassungsschützer sprach Österreich komplett sein Misstrauen aus. Seine öffentliche Begründung fiel indes ein wenig phantasielos aus. Es bestehe das Risiko, dass die Wiener Agenten-Kollegen geheime Informationen an Russland weitergäben. Das Stichwort „Russland“ scheint bei solchen Sachen ebenso unentbehrlich zu sein wie Senf zur Bockwurst.
Aber egal, es gilt der heilige Zweck: Wichtig ist, dass man alle geheimdienstlichen Wege von und nach Wien solange zumauert, bis sichergestellt ist, dass die „Hintermänner der Video-Falle“ wieder ruhig schlafen können.  Man kann ja nicht wissen, ob da nicht noch ein paar Hickl-Leute herumgeistern, die diese Hintermänner aufdecken und ans Publikum verpetzen, wie es sich dieser Maaßen wünscht.
Am Ende sind die Ösis noch so dreist und bitten die bundesdeutschen Dienste sogar um Amtshilfe bei dieser Aufdeckung. Schließlich ist es ja bemerkenswert, dass mit dem „Spiegel“, der „Süddeutschen Zeitung“ und dem TV-Agitator Jens Böhmermann das Video durch bundesdeutsche und nicht durch österreichische Rohre abgefeuert wurde. Da wäre es naheliegend, auch hier bei uns mal nachzugucken.
Dem hat Haldenwang einen Riegel vorgeschoben. Schließlich „vertraut“ er den österreichischen Behörden derzeit nicht, was eine Zusammenarbeit natürlich ganz unmöglich macht. Die Hintermänner können aufatmen.
Aber das alles hier ist selbstverständlich nichts als wüste Spinnerei, heillose Verschwörungstheorie, der Sie keinen Glauben schenken dürfen, wie uns unser Bundespräsident erst vergangene Woche wieder ans Herz gelegt hat. Heißt: Sowas wie „Hintermänner“ gibt es gar nicht, „Video-Fallen“ ebenso wenig. Es gibt nur den Kampf der Guten gegen die Bösen.
Bei all dem Getöse wollen wir ja nicht vergessen, dass wir uns mitten in der Schlussphase eines spannenden Wahlkampfs befinden, wie uns der Chef der SPD-Abgeordneten im EU-Parlament, Jens Geier, erinnert. Geier lässt uns wissen, dass die Österreich-Affäre zweifelsfrei auch irgendetwas über die AfD sagt. Andernfalls wäre der Vorgang ja völlig nutzlos für die Belange der SPD.
Angeblich ist die Dame, die in dem Video zu sehen ist, Straches Frau. Aber könnte es sich nicht auch um Alice Weidel handeln? Nein, leider keinerlei Ähnlichkeit. Schade.
Geier fürchtet, dass „viele Staats- und Regierungschefs einen Rechtsruck bei den Wahlen zum Anlass nehmen ... im Ministerrat von Konsens auf Konfrontation (zu) schalten“. Mit anderen Worten: Die Zeiten, in denen man sich einig, einig, einig war, könnten zu Ende gehen. Widerspruch und Meinungsvielfalt klopfen düster dräuend an die Tür. Darauf ist man in Brüssel und Straßburg nicht eingestellt. Das gut geölte und geschmierte Getriebe droht ins Stottern zu geraten.
„Dass es gut war, wie es war, weiß man hinterher. Dass es schlecht ist, wie es ist, weiß man gleich“ sang die große Hildegard Knef einst. Wie gut es für sie war vor dem „Rechtsruck“, dürften die Etablierten bald erfahren. Es war bequem, den größten Blödsinn reden zu dürfen, ohne mit Gegenwind rechnen zu müssen.
Frans Timmermans, Spitzenkandidat der EU-Sozialdemokraten, antwortete im Fernsehen auf die Frage: „Gehört der Islam zu Europa?“ unter dem Jubel der Studiogäste mit dem denkwürdigen Satz: „Seit 2000 Jahren schon.“ Bevor der Islam vor rund 1400 im Orient begründet wurde, hatten wir ihn in Europa also schon sechs Jahrhunderte lang fest im Repertoire. Wenn Erdogan das wüsste!


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Kommentare

Ansgar Grauwind:
29.05.2019, 09:53 Uhr

Die den Sturz der österreichischen Regierung herbeigeführte geheimdienstliche Operation war geopolitisch motiviert und diente einzig dem Zweck der Verhinderung der Herausbildung einer paneuropäischen Achse nationalkonservativ regierter EU-Mitgliedstaaten unter maßgeblicher Beteiligung Russlands und der Wiederherstellung der US-amerikanischen Hegemonie in Europa.


Wilfried Paffendorf:
26.05.2019, 06:10 Uhr

Mich erinnert das an den Roman von Stanislaw Lem "Memoieren, gefunden in der Badewanne". Dort sucht ein Agent nach seinem Auftrag, der allerdings so geheim ist, dass die Auftraggeber selbst nichts von der Existenz geschweige denn von dessen Inhalt etwas wissen. So irrt der arme Mann durch das III. Pentagon in der Hoffnung, Auftraggeber und Auftrag zu finden.


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