Seine Abenteuer inspirierten Jack London

Vor 150 Jahren fiel der gebürtige Braunsberger Gustav von Tempsky in Neuseeland im Kampf gegen Eingeborene

17.09.18
„The Death of Von Tempsky at Te Ngutu o Te Manu“: Lithografie von William Potts nach einem Gemälde von Kennett Watkins

Der Besucher hörte der Tochter des Hausherren gerne zu, wenn diese Armine von Tempsky aus ihren ersten eigenen literarischen Gehversuchen vorlas. Noch aufmerksamer aber lauschte Jack London, denn um keinen Geringeren handelte es sich, wenn Armines Vater Louis von den Taten seines Vaters, den alle nur „old Von“ nannten, erzählte.

Geboren wurde „old Von“ alias Gustav Ferdinand von Tempsky am 15. Februar 1828 in Braunsberg. Die Familie derer von Tempsky entstammte allerdings der Region um Neustadt in Westpreußen, war aber auch in Schlesien begütert, wo Tempsky aufwuchs. Seine Eltern waren Oberstleutnant Julius Louis von Tempsky und Karoline Henriette Friederike Wilhelmine von Tempsky, geborene von Studnitz.
Gemäß der Familientradition schlug Tempsky eine militärische Laufbahn ein, zunächst besuchte er die Kadettenanstalt in Potsdam. Als 17-Jähriger trat Tempsky in das Garde-Füsilier-Regiment, das Regiment seines Vaters, ein, das er aber schon nach einem guten halben Jahr wieder verließ.
Der vielseitig interessierte und künstlerisch begabte Tempsky war durch den wohl eintönigen Dienst unterfordert und hörte von dem Mittelamerikaprojekt des Ernst von Bülow, der deutsche Kolonisten für die Miskitoküste, Karibikküste Nicaraguas, suchte. Dort hatte sich Großbritannien mit einer informellen Quasi-Kolonie etabliert, deren Hauptstadt Bluefields nicht einmal 700 Einwohner zählte. Deutsche Kolonisten gründeten den Vorort „Carlsruhe“ und die „Prussian Company“, eine kleine Miliz, die in britischem Auftrag gegen die Nicaraguaner kämpfte. Hier erwarb Tempsky seine ersten kriegerischen Meriten, wenn auch das Gelbfieber der Truppe mehr zusetzte als die Nicaraguaner.
Die Briten entschlossen sich, das Gebiet zu verlassen, stellten aber den dort lebenden Miskito-Indianern einen Militärberater zu Seite, der deren Milizen in echt preußischer Manier drillte, eben Gustav von Temspky. Der hatte neben martialischen inzwischen auch amouröse Ambitionen. Er hatte sich in die Tochter von James Stanislaus Bell, des britischen Residenten in Bluefields, verliebt. Jene Emelia Ross Bell zu heiraten, fehlte ihm jedoch das Geld oder der gesellschaftliche Rang. Zudem stellten die Briten ihre Militärmission bei den Miskito ein.
Tempsky folgte 1850 dem Ruf des Goldes, er ging nach Kalifornien. Dort überstand er etliche gefährliche Situationen, Gold fand er jedoch nicht. Und so diente Tempsky bald in der privaten Truppe des Schweizers John Sutter. Auf dessen ausgedehnten Ländereien war das erste Gold gefunden worden, und nun versuchte er verzweifelt, seinen Besitz gegen die anstürmenden Massen der Goldsucher zu verteidigen. Auch an der Jagd auf den mexikanischen Banditen Joaquín Murrieta beteiligte sich Tempsky.
Nach drei Jahren kehrte er Kalifornien den Rücken. Emelia wartete immer noch auf ihn. Also machte er sich über Mexiko auf den Rückweg nach Bluefields. Es gab Überfälle, mal durch Indianer, mal durch Banditen. Dennoch nutzte Tempsky die Gelegenheit, Land und Leute ausgiebig kennen zu lernen. Rund neun Monate verbrachte er in Mexiko, in Guatemala sieben weitere. Im Juni 1855 war er dann wieder in Bluefields. Er war nun zwar reich an Erfahrungen, aber immer noch ohne Geld. Diesmal ließ er sich aber nicht von seinen Heiratsplänen abbringen, die Hochzeit wurde in Anwesenheit der Miskitohäuptlinge gefeiert.
Um etwas zu verdienen, trat Tempsky dann in die Firma seines Schwiegervaters ein, wo er sich als Holzfäller für Mahagoni und Brennholz für die Flussdampfer betätigte. Nach einem Jahr wurde sein erster Sohn Randal geboren.
Dann beschloss Tempskys Schwiegervater, ins heimatliche Schottland zurückzukehren. Tempsky ging mit seiner Familie mit. Der Anfang dort war nicht schlecht. Tempsky besuchte seine Eltern in Preußen und publizierte in London seinen Reisebericht über Mittelamerika. Das 1858 erschienene Buch „Mitla. a Narrative of Incidents and Personal Adventures on a Journey in Mexico, Guatemala and Salvador in the Years 1853 to 1855“ brachte zwar Anerkennung, aber kaum Geld. Temp­skys Erfahrungen als Offizier und Goldsucher waren in Großbritannien nicht sehr gefragt. Die Geburt seines zweiten Sohnes, den er nach seinem Vater Louis nannte, verschärfte die wirtschaftliche Situation weiter.
Deshalb zögerte er nicht lange, als ein in Australien lebender Cousin seiner Frau von den dortigen Goldfunden schrieb. Tempsky brach mit seiner Familie auf. Im August 1858 kam die Familie in Melbourne an. Eine Tochter, Lina mit Namen, wurde auf den Bendigo-Goldfeldern geboren. Tempsky bewarb sich erfolglos um die Leitung der später als „Burke and Wills expedition“ bekanntgewordenen transkontinentalen Forschungsreise.
1862 trieb es den ruhelosen Tempsky nach Neuseeland. Hier ließ er sich auf der Coromandel-Halbinsel als Goldsucher und Zeitungsreporter nieder. Ein Maori-Aufstand brachte Temspky in Kontakt mit einer Schutztruppe von Siedlern, den „Forest Rangers“. Deren Offiziere erkannten Tempskys Fähigkeiten. Auf ihren Vorschlag hin verlieh der neuseeländische Gouverneur Grey dem preußischen Glücksritter die britische Staatsbürgerschaft und eine Fähnrichsstelle bei den Forest Rangers. Später kommandierte Temspky als britischer Captain die zweite Kompanie der Forest Rangers. „Manu-rau“ wie ihn die Maori nannten, erwarb sich sogar den zähneknirschenden Respekt der Aufständischen, die zur „Hau Hau“-Bewegung gehörten. Das war eine Sekte, zu deren Ritualen auch der Kannibalismus gehörte und der längst nicht alle Maori, nicht einmal die Mehrheit anhingen. Zur Bekämpfung dieser Bande schickte Queen Victoria reguläre Truppen des Empire. Die fanden aber gegen die guerillaartige Kampfesweise der Hau Hau im dichten Busch nicht das rechte Mittel. Die Forest Rangers, zumeist Farmer, waren das Leben im Busch gewöhnt. Zu seinem eigenen Verdruss verpasste Gustav von Tempsky durch Krankheit und andere missliche Umstände die entscheidenden Einsätze im sogenannten Taranaki War, der Ende 1866 zu Ende ging. Die Forest Rangers waren schon einige Wochen zuvor aufgelöst worden.
Tempsky bot man ein Kommando bei der Armed Constabulary an, und dieser griff zu. Als 1868 der Titokowaru-Krieg ausbrach, wieder gegen die Hau Hau, war Tempsky mit seinen Leuten an vorderster Front dabei. Nun Major, unternahm er einen eigenmächtigen Angriff auf einen Stützpunkt der Hau Hau, obwohl sein Vorgesetzter das untersagt hatte. Tempsky ignorierte das und rückte mit völlig unzureichenden Kräften vor. So starb er am 7. September 1868 bei dem Versuch, einen Verwundeten zu retten, bei Te Ngutu o Te Manu in einem Hinterhalt von Hau-Hau-Maori. Sein Leichnam wurde, wie die der anderen Gefallenen der Armed Constabulary in diesem Gefecht, von den Hau Hau verbrannt.
John Mackintosh Roberts, der die Nachfolge Tempskys im Kommando der No. 5 Division Armed Constabulary angetreten hatte, erreichte 1886 die Aufstellung eines Denkmals für den Major und seine gefallenen Kameraden bei Manaia. Die Legende um den Offizier mit den preußischen Wurzeln wurde wachgehalten durch den Romancier Jack London, der befreundet war mit Louis von Tempsky und den Major als Inspiration für einige seiner Romanhelden verwendete. 2016 hat Ulrich Esser-Simon eine deutschsprachige Neuausgabe von Tempskys Reiseabenteuern unter dem Titel „Mitla. Reiseabenteuer in Mexiko, Guatemala und Salvador 1853–1855“ herausgegeben.    Hagen Seehase


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

James Ostenmoordorf:
17.09.2018, 13:30 Uhr

Andere Völker für die Briten zu unterwerfen
ist so ungefähr das Dümmste, was man als Deutscher tun kann

Man erlebt, individuell, schöne Abenteuer, keine Frage. Aber wie hat Albion es uns gedankt? Dass wir 1900 für England gegen China gekämpft haben. Anstatt die Buren gegen England zu unterstützen.
Zwei Weltkriege haben die Briten gegen unser Land entfesselt, und nun soll Deutschland Schlachtfeld auch noch im III. werden. Das Attribut „perfide“ trägt England zu recht.


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.