Siemens ganz groß in Berlin

»Siemensstadt 2.0«: Der Großkonzern plant umfangreiche Investitionen in der Hauptstadt

16.09.18
Wo Tradition und Fortschritt verschmelzen: Hauptverwaltung von Siemens in der Berliner Siemensstadt Bild: Imago

Der Technologiekonzern Siemens will mehr als eine halbe Milliarde Euro in die Hand nehmen, um in Berlin einen „Innovations-Campus“ zu gründen. Mehrere Gründe sprechen für die Hauptstadt als künftigen Standort des Campus, allerdings ist das Verhältnis zwischen der Siemens-Geschäftsführung und dem rot-rot-grünen Senat seit einiger Zeit nicht frei von Spannungen.

Wie seit einem Spitzengespräch zwischen dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und dem Siemens-Konzernvorstand Cedrik Neike feststeht, sind bei Siemens sogar zwei Projekte in der Planung. Bei dem einen Vorhaben, das unter der Bezeichnung „Labor“ oder „Hub“ firmiert, geht es um eine Investitionssumme von bis zu 60 Millionen Euro. Siemens will dabei zusammen mit der TU Berlin, der Fraunhofer-Gesellschaft und der Bun­desanstalt für Materialforschung (BAM) einen Industrie- und Wissenschaftscampus etablieren. An diesem könnten die beteiligten Partner innovative Fertigungsmethoden ent­wickeln.
Bei Siemens wird allerdings noch über ein wesentlich größeres Vorhaben mit einer Investitionssumme von bis zu 600 Millionen Euro nachgedacht. Dabei geht es um die Entwicklung eines ganzen Stadtteils mit moderner Produktion, Wohnungen, Kitas und Studentenwohnungen. In Anspielung auf die historische Siemensstadt ist die Rede von einer „Siemensstadt 2.0“. Tatsächlich ist es naheliegend, dass Siemens dieses Projekt in Berlin, dem Gründungsort und historischen Hauptsitz des Unternehmens, ansiedelt. Der Konzern verfügt an der Spandauer Nonnendammallee noch immer über einen umfangreichen Grund­stücks- und Gebäudebesitz. Mit mehr als 11700 Beschäftigten ist Berlin zudem auch nach wie vor der größte Siemens-Standort.
Die Spree-Metropole bietet durch ihre Hauptstadtfunktion zudem einen großen Vorteil. Für Siemens als weltweit tätigen Technologiekonzern spielen staatliche Aufträge eine wichtige Rolle. Eine „Siemensstadt 2.0“ in Berlin könnte ein ideales Schaufenster bilden, mit dem sich das Unternehmen ausländischen Staatsgästen präsentierte, wenn diese zu Besuch in der deutschen Hauptstadt sind.
Teile der Siemens-Geschäftsführung, etwa der gebürtige Berliner Neike, scheinen auch nicht abgeneigt, sich für Berlin zu entscheiden. Aus der Konzernzentrale in München heißt es bislang allerdings, der Riesencampus für 600 Millionen Euro könnte überall auf der Welt entstehen. Das Verhältnis zwischen dem Münchener DAX-Konzern und dem Berliner Senat ist schon seit einiger Zeit von Spannungen gekennzeichnet.
Siemens hat im Jahr 2001 das Magnushaus am Kupfergraben gekauft. Im Garten des denkmalgeschützten barocken Stadtpalais wollte das Unternehmen einen Neubau für seine Berlin-Repräsentanz errichten. Noch zur Amtszeit von Klaus Wowereit (SPD) als Regierendem Bürgermeister und seines damaligen Stadtentwicklungssenators Michael Müller hatte das Projekt im Jahr 2015 einen positiven Vorbescheid erhalten.
Vor Kurzem hatten Kultursenator Klaus Lederer (Linkspartei) und Bezirksstadtrat Ephraim Gothe (SPD) jedoch mitgeteilt, dass die Verlängerung eines positiven Vorbescheids versagt worden sei. Für das Gesprächsklima nicht förderlich war zudem, dass Michael Müller und Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) im Herbst vergangenen Jahres an einer Protestaktion der IG Metall teilgenommen haben. Damals ging es um Pläne zum Stellenabbau bei Siemens, die Müller als „Schande“ und als „nicht hinnehmbar“ bezeichnet hatte.
Mittlerweile ist das Campus-Projekt beim Senat offenbar Chefsache. In der Senatskanzlei wurde eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe für das Thema geschaffen. Anfang September traf Müller sogar persönlich mit Vertretern von Siemens zusammen. Ein wichtiger Punkt bei den Gesprächen war erneut der Denkmalschutz. Das Unternehmen wünscht laut Medienberichten vom Land Berlin eine „konstruktive Handhabung“ bei Umbauten. Offenbar gibt es bei Siemens auch schon sehr konkrete Vorstellungen für das Gelände an der Nonnendammallee: Das eigentliche Innovationszentrum soll 940000 Quadratmeter umfassen. Geplant ist weiterhin, das alte Siemens-Schaltwerk und das Dynamowerk als Produktionsstätten zu nutzten. Bei beiden Werken handelt es sich um Baudenkmale. Der Konzern will darüber hinaus aber auch Wohnhäuser, ein Hotel, eine Schule und Flächen für den Einzelhandel schaffen.
Erwartungen hat Siemens an den Senat auch bei der Infrastruktur. Mit der geplanten Schließung des nahegelegenen Flughafens Tegel würde sich die Erreichbarkeit des Zukunftscampus deutlich verschlechtern. Verbessern ließe sich die Verkehrsanbindung, wenn ein 1980 stillgelegter Abzweig der Berliner S-Bahn, die sogenannte Siemensbahn, wieder aktiviert würde. Ob der rot-rot-grüne Senat die Siemens-Geschäftsführung von Berlin als Standort des Zukunftscampus überzeugen kann, wird sich möglicherweise schon bald herausstellen. Verlaufen die Verhandlungen erfolgreich, könnten Senat und Siemens bereits in diesem Herbst eine Absichtserklärung unterzeichnen.      Norman Hanert


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