Sprengkraft

Wo wir nun doch kontrollieren können, wofür Seehofer seinen Urlaub unterbricht, und wie es schön bleibt / Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel

03.08.19

Endlich soll gehandelt werden. Politiker überbieten sich nach den wiederholten Tumulten in Freibädern wie dem Düsseldorfer Rheinbad und dem Mord an dem achtjährigen Jungen im Frankfurter Hauptbahnhof mit Forderungen nach besseren Schutz- und Kontrollmaßnahmen. Die Menschen sollen durch Ausweiskontrollen und technische Sperren vor Übeltätern geschützt werden, die sich unter sie mischen wollen.
Das klingt doch toll! Also kehren wir zu ordentlichen Kontrollen an den deutschen Außengrenzen zurück? Schützt der Staat nach den wilden Jahren ungezügelter Einwanderung das Territorium der Republik endlich wieder?
Wo denken Sie hin? Das wäre ja Abschottungspolitik, Rechtspopulismus und zudem rassistisch, weil es schließlich fast die gesamte Menschheit unter Generalverdacht stellen würde. Nein, so etwas können wir mit unseren Werten der Weltoffenheit und Toleranz nicht vereinbaren.
Unsere Ausweise werden nach dem Willen einiger Politiker demnächst am Eingang zum Freibad kontrolliert, und automatische Sperranlagen an den Bahnsteigen sollen bis zum Stillstand der Züge dafür sorgen, dass uns niemand mehr vor einen einfahrenden Zug in den Tod stoßen kann. An die Merkelsteine, welche Volksfeste und Weihnachtsmärkte wie Panzersperren einklemmen, haben wir uns ja schon gewöhnt. Den „Westwall“ vor dem Reichstag (wir berichteten hier) werden die Deutschen irgendwann ebenso liebgewinnen.
Jemand will übrigens ausgerechnet haben, dass die Außengrenzen aller deutschen Freibadbereiche zusammen in etwa genauso lang sind wie die Grenzen der Bundesrepublik. Das eine können (also wollen) die Politiker schützen, das andere können (also wollen) sie nicht schützen.
Deutschland gleicht zunehmend einem Haus, in dem (wegen der Sicherheit!) alle Zimmertüren streng bewacht werden, während Haustüren und Fenster unbeaufsichtigt offenstehen. Haben wir wirklich über die Schildbürger gelacht − oder die über uns? Die Frage besitzt eine gewisse Sprengkraft, weshalb sich die hohe Politik zu schnellem Handeln veranlasst sieht.
Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) unterbrach seinen  Urlaub, weil er „zur Kenntnis nehmen“ musste, dass nach dem Mord von Frankfurt „in Teilen der Öffentlichkeit bereits jetzt (heißt: am vergangenen Montag) eine Bewertung des Sachverhalts vorgenommen wird“. Das sei „seriös aber erst möglich, wenn die Hintergründe aufgeklärt sind“, so der Minister.
Nanu! Nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke flogen uns die „seriösen“ Bewertungen umgehend nach der Tat nur so um die Ohren. Die Bewerter flochten riesige neonazistische Netzwerke und zogen Kreise, welche sogar die AfD ins Feld der irgendwie Mitverantwortlichen verschieben sollte. Und nun diese minuziöse Bedachtsamkeit?
Nachtigall, ick hör dir trapsen. Da ist noch was anderes im Busch als die Abwehr schneller Vorverurteilung, von Generalverdacht und ähnlichem Zeugs. Manche vermuten, Seehofer wolle vor allem die tosende Debatte stilllegen. Denn wenn erst richtige Ermittlungsergebnisse vorliegen, hat sich die Erregung längst gelegt und die Medien können die schreckliche Sache in einer Kurzmeldung vergraben.
Aber das ist auch noch nicht alles. Seehofer fürchtet sich davor, wer hier in Wirklichkeit „bewertet“ wird. Der Täter aus Eritrea, „die“ Afrikaner, „die“ Asylsucher? Wer sich durch die Unzahl von Netzkommentaren schaufelt, findet davon so gut wie nichts. Deshalb interessiert es auch niemanden, dass der Mann nicht mal in Deutschland lebt, sondern in der Schweiz, von wo er unkontrolliert nach Frankfurt gereist war.
Nein, was nun alle „bewerten“, das sind die Verantwortlichen der Schilda-artigen Türpolitik, also Seehofer und seine lieben Kollegen. Da wurde dem Minister verständlicherweise mulmig und er unterbrach sofort seinen Urlaub, um sich eines listigen Tricks zu bedienen: Stell dich vor einen Ausländer, und jeder, der dich kritisiert, ist ein Rassist. Im konkreten Fall hieß das: Wer uns für unsere Grenzpolitik angeht, der ist unseriös.
Für die Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, Saarlands Verkehrsministerin Anke Rehlinger, geht die ganze Debatte sowieso in die falsche Richtung: „Eine solche Tat offenbart keine Sicherheitslücke, sondern eine Menschlichkeitslücke“, so die SPD-Politikerin.
Wurde der 40-jährige Eritreer nicht oft genug gestreichelt? Jetzt nicht so zynisch, bitte! Die Ministerin bemüht sich lediglich, das grausame Geschehen möglichst weit in den Nebel einer beliebigen Humanitätsduselei zu verschieben.
Dort droben gibt es keine Täter, nur Traumatisierte und ihre Opfer, die beide unser ungeteiltes Mitgefühl verdienen. Die Verantwortung löst sich so zunächst auf und landet später wie aus dem Nichts im Schoß von uns selbst, den deutschen Normalbürgern, die sich damit ganz schlecht fühlen sollen: Wir haben eine Menschlichkeitslücke aufgerissen, wir kalten Monster!
Rehlinger gefällt es gar nicht, dass so viele Leute die eritreische Herkunft des Täters erwähnen. „Ich finde, wir sollten Menschen, die hier in Deutschland leben und sich aufhalten, insgesamt schützen, und zwar egal vor wem und egal welche Herkunft er hat. Insofern finde ich diese Hetze in diesem Zusammenhang jetzt auch völlig unangemessen.“ Na also, auch diesen Trick beherrscht beileibe nicht nur Seehofer.
Alle Menschen gleich zu behandeln, das ist das Wichtigste. Nachdem die Sicherheitskräfte mit dem „südländisch aussehenden“ Mob im Düsseldorfer Rheinbad schon wieder nicht fertig wurden, setzten sie kurzerhand alle Badegäste vor die Tür, also auch die große Mehrheit der Friedlichen und Pflegeleichten.
Wie heißt es doch immer: „Wir müssen durch entschiedene Maßnahmen sicherstellen, dass das Vertrauen in den Rechtsstaat keinen Schaden nimmt.“ Ja, indem man Einheimische dafür bestraft, was Zugewanderte verbrochen haben. Das dürfte wirken.
Was soll man aber auch machen? Wie halten wir unser Multikulti-Gleichheitsdogma am Leben, wenn sich bei auffällig vielen Leuten aus ganz bestimmten Weltregionen so unerfreuliche Besonderheiten zeigen?
Eine Möglichkeit besteht darin, ein bisschen an den Zahlen herumzufingern. Seit Jahren rackern sich Statistiker und andere Experten im Schweiße ihres Angesichts daran ab, den anschwellenden Antisemitismus in der Bundesrepublik aufs Konto der Deutschen zu buchen.
Ärgerlicherweise spielen viele bertoffene Juden aber nicht mehr mit und durchkreuzen mit ihren Zeugenaussagen alle kunstvollen Zahlendrehereien. Gegenüber „Tichys Einblick“ berichtet ein jüdischer Student aus Potsdam, er werde in Potsdam und Berlin im Schnitt alle acht Tage Opfer von Beleidigungen oder Drohgebärden, weil er eine Kippa mit Davidstern trage. Bei den Tätern handele es sich durchweg um „Menschen mit südländischem Aussehen, die dem Sprachverhalten nach in aller Regel Araber sind“. Jüdische Uni-Kollegen erlebten Ähnliches. In gewissen Berliner Stadtteilen trägt er überhaupt keine Kippa mehr: „In Kreuzberg, Neukölln, am Ostbahnhof und in Wedding trage ich die Kippa nicht. Das könnte schnell gefährlich werden. Man riskiert dort Gesundheit und sein Leben. In diesen Stadtteilen trifft mich der islamistische Judenhass am meisten.“
Für jemanden wie Anke Rehlinger kann es sich bei dem Studenten nur um einen „Hetzer“ handeln, da er die Herkunft seiner Peiniger öffentlich macht. Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) lobt derweil den „Integrationswillen der Geflüchteten“. Hass und Gewalt „dulden wir in unserer Stadt nicht“, weiß er zu verkünden. Man muss sich nur fest genug die Augen verbinden, schon wird es wieder schön.


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