St. Adalbert soll wieder ein Gotteshaus werden

Bauarbeiten und Pläne der Originalkirche – Reste der katholischen Kirche im Königsberger Stadtteil Amalienau blieben erhalten

12.06.19
Kleinod in Königsberg: Die ehemalige Kirche

Weit im Westen von Königsberg, wo die letzten Touristenströme bereits an der Luisenkirche versickert sind, befindet sich ein ungewöhnliches Gebäude. Es wurde in den letzten Jahrzehnten für Bürozwecke genutzt. Obwohl von ansehnlicher Größe, war es kaum auszumachen, da es hinter dem dichten Laubwerk groß gewordener Bäume sein stilles Dasein fristete. Erst wer näher trat, konnte feststellen, dass hier ein Forschungsinstitut seine Räume hatte. Gleichwohl war ein Besuch unmöglich, denn ein Publikumsverkehr war nicht vorgesehen.
Doch der nahe Blick eröffnete auch etwas anderes: nämlich den Blick auf ein Bauwerk, das älter ist, als es seine derzeitige Nutzung war. Sein Grundstein, von der Lawsker Allee aus einsehbar, verweist auf das Jahr 1903. Eine gotische Bauform, und dazu ein asymmetrisch gesetzter Turm, der unzweifelhaft die Handschrift des Amalienau-Architekten Friedrich Heitmann (1853–1921) trägt. Langsam begreift man, welch ein Kleinod aus der Königsberger Stadtgeschichte hier vor einem steht: Es ist der Überrest der katholischen Kirche St. Adalbert. Die Marjellchens und Lorbaßchens, die Mittelhufen, Amalienau, Rathshof und Lawsken ihr Zuhause nennen, werden sich noch gut an diese Kirche erinnern.
1903 erbaut, wurde sie das Gemeindezentrum für die katholischen Christen im neu entstandenen Stadtteil Amalienau. Die Lage am Sternplatz war ähnlich günstig wie die der Luisenkirche von 1901 an der Ecke Hufenallee und Hammerweg. Es entstand ein Kirchenschiff von zehn Metern Höhe, das mit dem Turm schon von weitem sichtbar war und die Fortsetzung der Lawsker Allee nach Juditten überführte. Die schmalen Kirchenfenster sind von einem Feld umgeben, das nach oben in einen sehr flachen Spitzbogen verläuft, welcher mit einem steilen Spitzdach abschließt. Ein raffiniertes Ensemble, das den Bau größer erscheinen lässt, als er tatsächlich ist. Bau und Inneneinrichtung für St. Adalbert wurden damals zum großen Teil aus Spenden und Stiftungen der Gemeinde aufgebracht; und Heitmann, dem die Kirche ein Herzensanliegen war, leitete die Bauarbeiten ohne Entgelt.
Die Umgebung von St. Adalbert ist noch heute von alten Villen gesprägt, von denen die meisten ebenfalls von Heitmann projektiert wurden. Hier wirkt das alte Königsberg bis heute nach.
Der „Königsberger Wanderer“ erinnert sich eines heißen Sommertages, als die Sonne zur Mittagszeit ihn zu einer Rast zwang. Die Hitze ließ jeden Laut ersticken, doch am Bordstein sitzend, gaben die Blätter der Bäume etwas Schatten und Kühlung. Der Betrieb der Hufen war weit weg. Es blieb die Stille, die sich an solchen Tagen über alles zu legen scheint. Da kamen unscheinbar und leise einige Töne durch die Luft geweht. Sie verstärkten sich zu einer Melodie, die in einer der nahen Häuser auf einem Klavier gespielt wurde. Der Pianist oder die Pianistin waren nicht zu sehen – die Musik kam aus einem der oberen Stockwerke. Es war ein Stück von Brahms, das hier gespielt wurde, in einem Teil von Königsberg, der zu einem großen Teil unzerstört geblieben war. Es war ein starker Eindruck von Vertrautheit, der in diesem Moment mitschwang. Vergangenheit und Gegenwart waren nicht mehr zu trennen.
Dennoch ist das Leben auch hier weitergegangen, und die Aussichten für St. Adalbert haben sich  geändert. Der traurige Torso weist zurzeit weit geöffnete Fensternischen auf. Ein lebhaftes Hämmern und Arbeiten ist zu vernehmen. Beschleunigten und ungeduldigen Schrittes geht man auf das über lange Jahre verschlossene Eingangstor zu, um Einlass vorzufinden auf eine Baustelle, die einen emsigen Betrieb verzeichnet. Fast ehrfürchtig fragt man, ob ein Betreten erlaubt sei. Und der Blick verschlägt einem die Sprache: Die Zwischendecken sind entfernt, das Kirchenschiff ist zurückgekommen, und nur ein alter Wandkalender in nunmehr luftiger Höhe erinnert noch an die bisherige Nutzung.
Besonders berührte den Wandersmann, dass auf der Baustelle Kopien von alten Fotos auslagen – man bemühe sich, den alten Zustand so getreu als möglich wieder herzustellen. Liebevoll und umsichtig betasten die Hände die wieder ans Tageslicht gekommenen Baulichkeiten. Und sie werden auch fündig: unter einem künstlichen Bodenbelag über Jahrzehnte geschützt, verbergen sich darunter immer noch die alten Eingangsfliesen – unbeschädigt. Ein wunderbares Kunstwerk aus der Zeit um 1903.
St. Adalbert scheint wieder eine Kirche zu werden als Hort eines Glaubens, der den Menschen auch in den bittersten Zeiten der Stadtgeschichte Kraft zum Weitermachen und Hoffnung und Mut zum Frieden gab.
    Jörn Pekrul


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