Stille Meisterschaft

Vincent van Gogh als Maler von Stillleben und Porträts – Ausstellungen im Potsdamer Museum Barberini und Frankfurter Städel

22.11.19
Karges Dasein: „Stillleben mit einem Teller Zwiebeln“ von 1889 Bild: Kröller-Müller-Museum, Otterlo, Niederlande

Die „Sonnenblumen“ sucht man vergeblich. Vincent van Goghs be­deutendstes Stillleben, das eigentlich aus einer Serie verschiedener Sonnenblumengemälde besteht, fehlt in der Ausstellung im Potsdamer Museum Barberini.

Die „Mona Lisa der Moderne“ wird nicht mehr verliehen. Doch den Besucher, der den prächtigen Bau des Museums am Alten Markt in Potsdam betritt, erwartet mit der neuen Ausstellung „Van Gogh. Stillleben“ ein ungeahnter Kunstgenuss. Kaum zu glauben, dass van Goghs Stillleben noch nie gesondert Beachtung fanden. Doch genau diesen Aspekt des Œuvres eines der berühmtesten Maler aller Zeiten zu beleuchten, war seit Jahren eine Idee des Chefkurators Michael Phillip.
Schon als dieser noch beim Hamburger Kunstforum tätig war, ging ihm das Vorhaben, van Goghs künstlerische Entwicklung anhand seiner Stillleben zu be­trachten, nicht mehr aus dem Kopf. Zusammen mit der Barberini-Direktorin Ortrud Westheider verwirklichte er nun nach jahrelangem Klinkenputzen diesen Traum. „Wir brauchten viele Fürsprecher für ein solches Projekt“, sagt Westheider, „aber dass es noch nie eine solche Ausstellung gegeben hat, hat dann doch viele Leihgeber überzeugt.“
Van Gogh schuf in seiner kurzen künstlerischen Laufbahn etwa 800 Gemälde, davon 172 Stillleben. 27 sind im Barberini zu sehen. Darunter finden sich zwölf Leihgaben aus dem Kröller-Müller-Museum im niederländischen Otterlo. Das Haus besitzt die zweitgrößte Sammlung der Welt nach dem in Amsterdam beheimateten Van-Gogh-Museum.
Wer in der Schau nach Wahnsinn und Genie sucht, sollte das lieber gleich wieder vergessen, meint Philipp. Es gehe allein um einen Künstler, der zehn Jahre lang Bilder malte und in diesen Jahren eine phänomenale Ent­wick­lung durchgemacht habe.
Der Bedeutung des Künstlers entsprechend, der als Wegbereiter der Kunst des 20. Jahrhunderts gilt, wird man am Eingang von Riesenlettern empfangen: „Stillleben sind der Anfang von Allem“, soll er einst gesagt haben. Gleich zu Beginn ist ein Foto des Bruders Theo van Gogh, des wichtigsten Menschen im Leben des Malers, zu sehen. Ihm schrieb er unzählige Briefe, in denen man, wie sonst kaum, in die Künstlerseele blicken kann. Während des Begleitprogramms zur Ausstellung wird der Schauspieler Ulrich Mathes am 20. No­vember im Auditorium des Mu­seums aus diesen Briefen lesen.
Van Gogh, der 1853 in Groot-Zundert in Nordbrabant als Sohn eines Pfarrers geboren wurde, versuchte sich wenig erfolgreich in vielen Professionen. Zur Malerei kam er erst mit 27 Jahren, als er sich bei seinem angeheirateten Cousin Anton Mauve, einem Maler der Haager Schule, in Den Haag ersten Unterricht in der Ölmalerei geben ließ. Mauve setzte ihn sogleich vor eine Ansammlung von Alltagsgegenständen.
So entstand 1881 „Stillleben mit Kohl und Klompen“. Dunkle Erdtöne in Braun wirken behäbig und schwer, und die Malweise ist noch der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, des „Goldenen Zeitalters“, verhaftet. „Van Gogh wusste zu dem Zeitpunkt nichts von zeitgenössischer Malerei“, so Philipp. Persönlich motivierte Stillleben folgten, wie die „Vogelnester“, die vom Maler als „Menschennester“ bezeichnet wurden.
Chronologisch geht es durch des Künstlers Heranbildung von den Anfängen bis zu den farbstarken Blumenbildern der späteren Jahre. Fast alles hat er sich autodidaktisch beigebracht, woraus sich ein gänzlich neuer Stil entwickelt hat. Nach den Niederlanden begab er sich nach Paris, wo sein bisher erlerntes Können, die tonale realistische Malerei, als bereits überholt galt. Hier setzte er sich mit dem Impressionismus auseinander, die Bilder wurden heller. Pinselduktus und Farbgebung passten sich der französischen Avantgarde an.
Erstmals überhaupt ausgestellt ist auch das Gemälde „Vase mit Mohnblumen“ aus dem Wadsworth Atheneum in Hartford, USA, das nach jahrelangem Verharren im Depot nun nach wissenschaftlicher Untersuchung und nur wenige Monate vor Be­ginn der jetzigen Ausstellung zweifellos als ein Werk des Meisters identifiziert wurde.
In Paris machte van Gogh die Bekanntschaft mit Paul Signac, dem Vertreter des Pointilismus schlechthin. Es entstand das Stillleben „Restaurant-Interieur“, dessen pointilistische Malweise ihn mehr und mehr zu seinem eigenen Stil führte. Das Bild „Trauben, Zitronen, Birnen und Äpfel“ von 1887 zeigt quasi den Durchbruch. Sein charakteristischer Strichelstrich umgibt das Obst wie Eisenspäne, die wie von einem Magneten angezogen werden.
Begeistert steht der Besucher dann im letzten Saal vor dem Bild der „Blühenden Kastanienzweige“, sein expressivstes Stillleben und kurz vor seinem Tode entstanden. Ab Februar 1888 lebte van Gogh in Arles, wo er mit Paul Gauguin eine Künstlerkolonie gründen wollte. Es kam jedoch zum Zerwürfnis. Ab 1889 wurde der Maler wegen seines Nervenleides wiederholt in Hospitälern behandelt. 1890 starb er an den Folgen eines Selbstmordversuchs.
Mit der zeitgleichen Ausstellung im Städel-Museum in Frankfurt am Main „Making van Gogh. Geschichte einer deutschen Lie­be“ (siehe Artikel rechts) sind mit insgesamt 70 Werken in beiden Schauen so viele Bilder des Künstlers in Deutschland zu sehen wie seit 1914 in der Retrospektive der Berliner Galerie Paul Cassirer nicht mehr.
Zeit seines Lebens wurde van Gogh von seinem Bruder Theo auch finanziell unterstützt. Dass der Künstler aber nur eines seiner Bilder jemals verkaufte, ist schon lange widerlegt. Es gab Verkäufe, wenn auch nicht viele. So schrieb der Künstler in einem seiner auch literarisch wertvollen Briefe: „Manch einer hat ein großes Feuer in der Seele und niemand kommt, um sich daran zu wärmen.“    Silvia Friedrich
„Van Gogh. Stillleben“ läuft bis 2. Februar im Museum Barberini, Alter Markt Potsdam. Internet: www.museum-barberini.com


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