Supermarkt des Geistes

Show und Kostümierungen auf der Buchmesse – Kulturforum östliches Europa lud zum Podiumsgespräch »Kant in Kaliningrad«

26.10.18
In der Messe-Enklave Gespräch über die Enklave Königsberg: Neef, Karpenko, Lachauer (v. l.) Bild: Tews

Die Erwähnung Immanuel Kants hilft, wenn man sich auf der Buchmesse für Königsberg erwärmen will. Auch sonst sind Stars dort gefragter als Inhalte.

Zwischen den vielen Verlagsständen wirkt der Bereich „Weltempfang“ auf der Frankfurter Buchmesse wie eine Enklave. In der Halle 4.1 unterhalten sich gerade auf der einen von zwei Dialogbühnen eine holländische Professorin und eine Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscherin über „Sri Lankas Konfliktlinien“. Später wird hier der Astronaut Reinhold Ewald mit dem Leiter des Deutschen Literaturarchivs von Marbach, Ulrich Raulff, über „Global Citizenship – Perspektiven einer Weltgemeinschaft“ sprechen. Alles weltbewegende Themen, über die unbedingt geredet werden muss.
Dagegen passt sich das zeitgleich laufende Gespräch auf der Parallelbühne auch inhaltlich dem Enklavendasein dieser vom Auswärtigen Amt geförderten und im Stundentakt durchgepeitschten Diskussionsreihe an. Es geht um Königsberg. Eigentlich ein Thema, um das die meisten Messegäste einen großen Bogen ma­chen. Ostpreußen, Heimat, die qualvolle Erinnerung an Flucht und Vertreibung – nein damit will doch der aufgeklärt-intellektuelle Buchmessenmensch nichts zu tun haben.
Als sich aber aus der allgemeinen Geräuschkulisse russische Sprache vernehmen lässt, die von Simultandolmetschern übersetzt wird, bleiben die ersten neugierig stehen. Spätestens als man auf das vom Deutschen Kulturforum östliches Europa präsentierte Thema aufmerksam wird, „Kant in Kaliningrad: Gemeinsames Kulturerbe in Zeiten russisch-europäischer Konfrontation“, gibt es nach und nach keinen freien Sitzplatz mehr. Das Lockmittel Kant zieht eben immer und überall.
Auf der Bühne erzählt die Königsberger Kulturmanagerin, Galeristin und Soziologin Anna Karpenko, wie sich das Leben in der Region Königsberg nach dem Zerfall der Sowjetunion gewandelt hat. Gab es in den frühen 90er Jahren eine Aufbruchsstimmung, in der man hoffte, dass das zwischen die Fronten geratene Königsberger Gebiet eine Brücke zwischen Ost und West bilden könnte, ist inzwischen Ernüchterung eingetreten. „Vor allem seit der Krim-Krise“, sagt sie, „hat sich vieles zum Schlechten geändert.“ Wegen der Remilitarisierung der früheren Militärzone hat Polen den kleinen Grenzverkehr abgeschafft, weshalb das Gebiet wieder fast so isoliert ist wie früher. Nur die Fußballweltmeisterschaft in diesem Jahr, bei dem Königsberg auch Austragungsort war, habe für Entspannung gesorgt und den Menschen dort geholfen.
Die deutsche Autorin Ulla Lachauer, von der in diesem Sommer ihr unter anderem in Königsberg spielendes Buch „Von Bienen und Menschen“ erschienen ist, pflichtet ihr als Stichwortgeberin bei. Ja, die Fronten seien auch zum Baltikum hin wieder verhärtet: „Königsberg ist auch Feindesland von Litauen aus gesehen.“
Als der Moderator, „Spiegel“-Korrespondent und Russlandexperte Christian Neef die Re-Germanisierungsängste der Russen anspricht – so wurde das Deutsch-Russische Haus in Kö­nigsberg vorübergehend ge­schlossen und eine Tilsiter Mu­seumschefin wegen entsprechender Vorwürfe gemaßregelt –, er­fährt man von Karpenko, dass 2017 auch ihr Raum für öffentliche Kunst monatelang verboten war. Der neue Gouverneur änderte das. Jetzt kann sie Interessierten wieder die preußischen Wurzeln des Königsberger Gebietes nahebringen. „Die Menschen müssen doch die Vergangenheit kennen, sie müssen wissen, wer hier früher gelebt hat!“, appelliert Karpenko.
Von Kant ist nur am Rande die Rede. „Er ist die einzige Figur, die jeder Großwetterlage trotzt“, resümiert Neef. Kant sei Identifikationsfigur für Russen und Deutsche, auch wenn man seine Philosophie gar nicht kennt.
Dieses Gefühl kennt man an den Messetagen in Frankfurt gut. Hier ist die Buchmesse der Star, um die Bücher geht es kaum noch. Das macht sich gleich am Eingang bemerkbar, wo man sich wie auf einem fremden Stern vorkommt. Junge Menschen haben sich als Fantasiefiguren verkleidet. Die Comic-, Manga- und Fantasieverlage haben zu den Cos­play-Tagen aufgerufen. Cosplay bedeutet sie viel wie Kostümspiel, also Verkleidung. Und so sieht man überall Elfen und Hobbits aus „Herr der Ringe“, Stormtroopers aus „Star Wars“ sowie andere Spider-, Bat-, oder Supermänner herumlaufen.
Die Buchmesse hat sich vom intellektuellen Feinkostladen zum Supermarkt geistiger Genüsse gewandelt. Nur wer ein Schnellgericht liefert, ist im Ge­schäft. Kant schmeckt immer – und ist gut besucht. Die Poetry-Slammer, die ein paar Schritte weiter ihre Verse ins Mikro brüllen, sind noch besser besucht. Die Dichtung ist schnell vergessen, Hauptsache die Show kommt an.
In Halle 3.1 wird alles zu­sammengekocht. Hier brutzelt man in der „Gourmet-Gallery“. In der Showküche hört man nur die Stimme von TV-Koch Tim Mälzer, hinter einem Knäuel von Bewunderern ist er nicht zu sehen. Dann doch lieber zu einer Lesung ein paar Ecken weiter, von wo aus eine männliche Stimme ertönt.  Der „Er“ entpuppt sich als „Sie“, heißt Vera Nentwich und bezeichnet sich „als Frau mit männlichem Migrationshintergrund“. Wieder so ein Augenwischer. Wieder verkauft sich ein literarisch verquirlter Brei durch eine Selbstinszenierung des Autors.
Und was machen die rechten Verlage, die schon im vergangenen Jahr für das größte Aufsehen gesorgt haben, weil es zu Handgemengen mit linken Eiferern ge­kommen war? Sind in eine Sack­gasse abgeschoben worden. „Achtung – Sie verlassen den politisch korrekten Sektor“, warnt satirisch ein Schild in diesem Hinterhof eines Messesaals, in den Verlage wie Manuscriptum oder die „Junge Freiheit“ verbannt wurden. Wenigstens gab es diesem enklavischen Sektor diesmal keine Randale. Als Björn Höcke zu einer Lesung eintraf, verrammelte ein großes Polizeiaufgebot einen Teil der Halle. Es gab kein Reinkommen mehr. Einzig der Satiriker Martin Sonneborn lieferte im Stauffenberg-Kostüm mit Augenklappe und Aktentasche eine kleine bombige Show ab.
Die Rüpeleien fanden diesmal erst nach Messeende statt. Verleger Götz Kubitschek, der diesmal nicht mit seinem Antaios Verlag auf der Messe vertreten war, dafür aber die Bücher aus seinem Verlagsprogramm ganz in der Nähe der linken „Taz“ im neugegründeten Loci-Verlag präsentierte, wurde mit seiner Frau nachts vor einer Pizzeria überfallen.
Ein Happy End gab es aber noch für einen der letzten Buchmessenbesucher. Als der 93-jährige deutsch-französische Publizist Alfred Grosser am Frankfurter Hauptbahnhof in einen Zeitungsladen geschoben wurde, bekam er für die Rückfahrt nach Paris gratis die PAZ angeboten. „Ich freue mich, merci und a bientôt“, grüßte er vom Rollstuhl aus.    Harald Tews


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