Tanz auf dem Vulkan

Der Test vor dem Massenpublikum – Ein Jahr nach der Erstausstrahlung läuft »Babylon Berlin« in der ARD

05.10.18
Goldene Zeiten: Partyszene im legendären Berliner Nachtclub Moka Efti an der Friedrichstraße Bild: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland/Frédéric Batier

Vor einem Jahr sangen Kritiker auf die Serie „Babylon Berlin“ ganze Lobeshymnen. Weil sie da­mals beim Bezahlsender Sky lief, blieben viele Zuschauer aber au­ßen vor. Vom 30. September an ist die mit 40 Millionen Euro teuerste deutsche TV-Produktion nun auch öffentlich-rechtlich zu sehen.

Gleich zu Beginn ein Sturm an Bildern: Fiebrige Sequenzen zeigen den jungen Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) ertrinkend, wieder auftauchend, schreiend durch Tunnel hetzend. Dazu die eindringliche Stimme eines Hypnotiseurs, der ihn an die Quelle seines Traumas führen will, zur Wahrheit. Rasant geht es weiter: In schnellen Schnitten folgt ein Zug, der durch eine russische Landschaft fährt, folgt eine proletarische Wohnung, in der Kinder schreien und die Armut durch alle Ritzen dringt.
Fernsehen mit Sogwirkung, das ist „Babylon Berlin“ (Sonntag, 30. September, 20.15 Uhr, danach jeweils donnerstags, Das Erste). Selten sah man einen so schillernden Bogen aus Hinterhof-Mief, Revolutions-Getöse, Folter, Verrat, schönen Frauen, die ihr Glück suchen, und anderen, die längst aufgegeben haben. Eine Szene spielt im Hinterhof, ein Mann im Unterhemd wendet blutige Fleischstücke in einer riesigen Pfanne. „15 Minuten haste Zeit“, grunzt er den Freier an, bevor er ihn zu seiner abgearbeiteten Ehefrau in die Küche
schickt. „Dann kommste wieder runter oder ick komm rauf.“
Das Tableau wird mit der Kaperung des Zuges durch russische Revolutionäre eröffnet, der Grabenkrieg junger Kommunisten durchzieht die Handlung wie ein roter Faden. Drastisch der Überfall eines Erschießungskommandos, das der Anführer der Putschisten angststarr durch die grobe Bretterwand einer Latrine verfolgt. Prompt rettet er sich in den Abort, versinkt bis zum Hals in der braunen Brühe. Diese Art von Fernsehen dampft und atmet.
Angetrieben wird das Geschehen von atemloser Musik. Seit Fassbinders düsterem Geniestreich „Berlin Alexanderplatz“, fast 40 Jahre her, kam Berlin nicht mehr so verrucht daher. Und seit „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ von 1927 wurden Bilder nicht mehr so rasant montiert.
Drei Regisseure und Autoren teilten sich die Zwölf-Stunden-Verfilmung, Tom Tykwer („Lola rennt“), Henk Handloegten und Achim von Borries. Mehrere Produzenten wurden ins Boot geholt. Wer dem deutschen Fernsehen bisher vorwerfen konnte, handzahm und kleinkariert zu sein, der wird angesichts dieser Bilderflut auf der Stelle süchtig.
„Babylon Berlin“ ist ein monumentales Puzzle, das trotz vieler schillernder Versatzstücke nie auseinanderfällt. Es zeigt Menschen, die vom Strom der Zeit mitgerissen werden – die Augen dunkel gerändert, die Drogen allzeit bereit. Wer immer schon mal wissen wollte, was an den Goldenen Zwanzigern so wild war, wird hier bedient. Der Erste Weltkrieg ist lange vorbei, der zweite taucht als Gespenst am Horizont auf, die Zwischenzeit verdichtet sich in den Varietés und Spelunken.
Im Zentrum steht das Revuetheater „Moka Efti“, auferstanden im ehemaligen Stummfilmkino „Delphi“ in Berlin. Eine androgyne Frau mit schwarzer Perücke und dunkler Stimme singt „Zu Asche zu Staub“ und zuckt dazu wie ein Maschinenmensch. Hinter ihr biegen sich halbnackte Tänzerinnen im Stil der Josephine Baker, die Zuschauer verschwimmen tanzend zu einer rollenden Woge.
Auch in dieser Serie, frei nach Volker Kutschers Roman „Der nasse Fisch“, geht es um die Aufklärung eines Kriminalfalls. Der junge Kommissar aus Köln soll die Erpresser ausfindig machen, die ein kompromittierendes Foto des damaligen Kölner Bürgermeisters Konrad Adenauer verkaufen wollen. Aber es geht um mehr: um den Tanz auf dem Vulkan.
Großartig, wie die Regie immer wieder ein Kaleidoskop eröffnet, um dann auf ein Detail zu blenden. In einer Apotheke besorgt sich Gereon Rath Morphium im Tausch gegen pornografische Fo­tos. Als der Apotheker genüsslich die Fotos durchblättert, stößt er auf eines, das abgetrennte Gliedmaßen zeigt – versehentlich vertauscht mit den Archivmaterial, das Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) im Kriminalinstitut katalogisieren soll. Ritter ist die zweite Hauptfigur der Serie, eine Aufsteigerin, die dem Elend entkommen will, koste es, was es wolle –notfalls ihren Körper.
Charlotte ist süchtig nach Leben, Gereon nach Morphium – so finden sie zueinander. Sein im Entzug zitternder Körper wird von ihr zufällig in einer Toilette gefunden, fortan verbindet die beiden eine Komplizenschaft. Zittern, nachzittern: Ein Symptom traumatisierter Menschen, das zu jener Zeit als Schwäche angesehen wird. „Wie kaputte Automaten“, sagt Kommissar Bruno Wolter (Peter Kurth) vom Sittendezernat, Raths väterlicher Freund: „Kaputte Automaten gehören auf den Müll.“
„Berlin Babylon“ ist in vielerlei Hinsicht herausragend. Die Mas­kenbildner vollbrachten das Kunststück, dass hier nichts nach Pe­rücke aussieht, nichts nach sorgsam zurechtgezupften Arme-Leute-Schick. Die Haare der Protagonisten stehen stumpf vom Kopf ab, denn sie wurden mit Kernseife gewaschen. Die Schminke verläuft und wird notdürftig neu gemalt. Schweißglanz ist erwünscht, Puder verpönt.
Immer wieder im Bild: eine typische Berliner Straße, in Berlin-Babelsberg aufgebaut und in wechselnden Perspektiven ge­nutzt. Erstmals arbeitete das Erste mit einem Bezahlsender zusammen und überließ Sky die Erstausstrahlung. Kamera, Musik und Ausstattung wurden bereits mit den Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet, zudem wurde „Berlin Babylon“ in rund 100 Länder verkauft. „Die Serie wird deutsche Filmgeschichte scheiben und einen neuen Standard setzen für deutsche TV-Serien“, schrieb die US-Zeitung „Financial Times“.
Deutschlands erste Schauspieler-Garde – Matthias Brandt, Jördis Triebel, Hannah Herzsprung, Lars Eidinger, Fritzi Haberlandt, Benno Fürmann – trug zum Er­folg bei. An einer Fortsetzung für zehn Folgen der dritten Staffel, diesmal nach Kutschers Roman „Der stumme Tod“, wird gearbeitet. Im Anschluss an die Ausstrahlung der beiden ersten Folgen sendet Das Erste am 30. September um 22.30 Uhr die Doku „1929 – Das Jahr Babylon“.    Anne Martin


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