Turm der Entrüstung

Der Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche schreitet voran – Doch Proteste dagegen ebben nicht ab

12.07.19
Der Sockel ist fertig: Alles steht bereit für den Turm der Garnisonkirche Bild: Imago images/Martin Müller

„Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“, dieser Bibelvers aus dem Lukas-Evangelium um­spannt seit April in Englisch, Französisch, Deutsch, Polnisch und Russisch den Sockel des Turmes der Garnisonkirche. Während des Ostergottesdienstes wurde in der Nagelkreuzkapelle in Potsdam der Abschluss der Montage des Sandsteinsockels mit der Gemeinde gefeiert.

Den Bau der Hof- und Garnisonkirche gab 1730 der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. in Auftrag und beorderte den Architekten Philipp Gerlach zur Ausführung. Bis 1735 wurden insgesamt 2,5 Millionen Ziegelsteine verbaut. Die prachtvolle Kirche war mit ihrem über 88 Meter hohen Turm bis 1945 das höchste Gebäude der Stadt und als ein Hauptbauwerk des preußischen Barocks Teil der berühmten und weithin sichtbaren Stadtsilhouette Potsdams, des Dreikirchen­blicks, bestehend aus Nikolaikirche, Garnisonkirche und Heilig-Geist-Kirche.
Zahlreiche Sichtachsen der später von Peter Joseph Lenné ge­stalteten Havellandschaft mit ihren Aussichtspunkten trafen am Standort der Garnisonkirche zu­sammen. Die Kirche war zunächst Gotteshaus der Potsdamer Garnison, wurde dann mehr und mehr Repräsentationskirche des preußischen Herrscherhauses.
Abweichend von der Familien­tradition ließ sich König Friedrich Wilhelm I. nicht in der Berliner Domkirche, sondern in der Gruft der Garnisonkirche beisetzen. Ebenso wurde auch König Fried­rich II. hier neben seinem Vater zur letzten Ruhe gebettet. Napoleon höchstselbst stand 1806 am Sarg Friedrichs des Großen mit den Worten: „Wenn dieser noch lebte, stünde ich nicht hier!“
Am 21. März 1933 fand in der Garnisonkirche der Staatsakt zur konstituierenden Sitzung des Reichstages statt. Bei der Verabschiedung kam es zum Handschlag Adolf Hitlers mit Reichspräsident Paul von Hindenburg. Mit ein Grund, warum heutige Gegenstimmen einen Wiederaufbau verhindern wollen.
Beim Luftangriff auf Potsdam, der „Nacht von Potsdam“ am 14. April 1945, brannte das Innere des Kirchenschiffs aus, der Turm mit dem Glockenspiel stürzte teilweise ein. Die SED-Führung der DDR sprengte die wiederaufbaufähige Garnisonkirche trotz er­heblicher Proteste aus dem In- und Ausland zur sonntäglichen Gottesdienstzeit im Jahre 1968.
In der wiederaufbaufähigen Kirchenruine war ab 1950 die Heilig-Kreuz-Gemeinde zu Hau­se. Deren Bemühungen, einen Neubeginn zu wagen, wurden zunichte gemacht durch die Zerstörung des Gebäudes. Doch schon 1987 ließ die „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel e.V. (TPG)“ das Geläut des Glockenspiels wiederherstellen und übergab es am 14. April 1991 der Stadt Potsdam.
2004 wurde die Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche e.V. gegründet. Im selben Jahr riefen Bischof Wolfgang Huber, Ministerpräsident Matthias Platzeck und Innenminister Jörg Schönbohm zum Wie­deraufbau des einstigen Wahrzeichens der Stadt auf. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, der Kirchenkreis Potsdam, der Evangelisch-Kirchliche Hilfsverein und die Landeshauptstadt Potsdam gründeten die Stiftung Garnisonkirche Potsdam als Bauherrin und Trägerin der späteren Kirche.
2011 konnte eine temporäre Kapelle am ehemaligen Ort der Garnisonkirche eingeweiht werden. In der Nagelkreuzkapelle ist eine Profilgemeinde beheimatet, deren Profil durch den Dreischritt: „Geschichte erinnern, Verantwortung lernen und Versöhnung leben“ geprägt ist. Nachdem Coventry 1940 durch deutsche Bomber angegriffen worden war, ließ der damalige Domprobst Richard Howard ein Kreuz aus den Dachbalken der Kathedrale als Zeichen der Versöhnung schaffen und in die Domruine die Worte „Father forgive“ meißeln. Das Nagelkreuz steht heute als sichtbares Zeichen der Versöhnung in vielen Orten der Welt und auch in Potsdam. „Vater, vergib“ ist die zentrale Bitte des Nagelkreuzgebetes. 2013 erfolgte die Baugenehmigung für den ersten Bauabschnitt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übernahm 2017 die Schirmherrschaft über den Wiederaufbau.
Der Turmbau wird in der äußeren Form exakt dem historischen Vorbild entsprechen, der Kirchenraum als Erinnerungs- und Bildungsstätte mehrfach genutzt und technisch dem heutigen Standard entsprechen. Finanziert wird der Bau bisher durch verschiedene Spendengelder, eine Förderung durch Bundesmittel und Darlehen der Evangelischen Kirche. Die geplanten Kosten für den gesamten Turm belaufen sich auf etwa 38 Millionen Euro. Dieses kann durch die bisherige Finanzierung noch nicht gestemmt werden. So bittet die Stiftung weiter dringend um weitere Spenden. Mittels eines Spendenkatalogs „Bauen Sie mit Ihrem guten Namen“ können Interessierte mit einer Ziegelspende einen sichtbaren Beitrag für den Wiederaufbau leisten. Mit einer Spende ab 100 Euro wird ein Ziegel mit Namen des Spenders sichtbar vermauert.
Solange es das Bauvorhaben gibt, sind laute Gegenstimmen, die die Kirche als ein Symbol für Militarismus und Faschismus sehen, zu vernehmen. Streit und öffentliche Debatten reißen nicht ab. Auch auf dem diesjährigen Evangelischen Kirchentag in Dortmund war der Wiederaufbau Thema. Die Martin-Niemöller-Stiftung suchte dort nach Unterzeichnern für ihre Resolution „Christen brauchen keine Garnisonkirche“. Sie fordern Baustopp und Rückgabe der Spendengelder. Die Garnisonkirchenstiftung weist die Vorwürfe heftig zurück mit dem Hinweis, sie ließe sich nicht in eine rechte Ecke schieben. Welcher Ort eignete sich besser zum Brückenschlag unserer geschichtlichen Erkenntnisse zu den Erfordernissen der Moderne, so die Stiftung auf ihrer Internetseite, als die symbolträchtige Garnisonkirche, ein Ort, an dem der „genius loci“ das Bindeglied zwischen Geschichte, Gegenwart und Zukunft sei?    Silvia Friedrich
Für Besucher gibt es mittwochs um 14 Uhr und am ersten Sonnabend im Monat um 11 Uhr eine Baustellenführung. Näheres im Internet unter www.garnisonkirche-potsdam.de. Eine Webcam liefert alle 15 Minuten ein aktuelles Bild über den neuesten Stand.


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