Von den Lasten der Geschichte

Laudatio zur Verleihung des Ostpreußischen Kulturpreises für Wissenschaft an Christopher Spatz

22.05.19
Anerkennung für Forschungsleistung: LO-Sprecher Stephan Grigat (l.) und Christopher Spatz mit Ostpreußischem Kulturpreis Bild: PAZ

Es gibt Ereignisse, die uns die Last der Geschichte auf besonders schmerzliche Weise vor Augen führen. Hierzu gehört das Schicksal der ostpreußischen Wolfskinder. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam es im nördlichen Ostpreußen, in Königsberg und der weiteren Umgebung, zu einer humanitären Katastrophe. Mehr als 100000 Menschen starben an Seuchen und Unterernährung. Die Übriggebliebenen waren oft Kinder. Ohne Eltern, ohne Familie, ohne ein Zuhause waren sie ganz allein auf sich gestellt. Manche kamen in sowjetische Heime, andere flohen nach Litauen, um sich vor dem Hungertod zu retten. Dort bettelten sie bei Bauern um Lebensmittel. Um von den sowjetischen Behörden nicht als Deutsche erkannt zu werden, mussten sie neue Namen annehmen und schnell in eine neue Sprache und Identität hineinwachsen.
Mit den sogenannten Wolfskindern hat sich unser Preisträger, der 1982 in Bremen geborene Historiker Christopher Spatz, bereits im Rahmen seiner Masterarbeit an der Universität Oldenburg beschäftigt. Der Überlebenswille der Kinder beeindruckte ihn so, dass er nach dem Studienabschluss Kontakt zu seiner späteren Doktormutter Ruth Leiserowitz, der Pionierin auf dem Gebiet der Wolfskinderforschung,  aufnahm und mit ihr einen Plan für ein Dissertationsprojekt über die Wolfskinder entwickelte.
Auf der Grundlage von 50 lebensbiografischen Einzelinterviews ist Christopher Spatz in seiner Doktorarbeit der Frage nachgegangen, welche Selbstbilder die Zeitzeugen in ihren von multiplen Verlust- und Einsamkeitserfahrungen geprägten Dasein entwickelt haben. Spatz rekonstruiert das Leben der Betroffenen und lässt die Wolfskinder selbst zu Wort kommen. Die Interviews bilden die Grundlage für die 2015 von Spatz an der Berliner Humboldt-Universität vorgelegte Dissertation „Identität und Identitätswandel ostpreußischer Wolfskinder“, die 2016 unter dem Titel „Ostpreußische Wolfskinder“ im Verlag Fibre als Einzelveröffentlichung des Deutschen His-torischen Instituts Warschau, Band 35, erschienen ist. Eine populärwissenschaftliche Fassung der Dissertation hat Spatz 2016 unter dem Titel „Nur der Himmel ist derselbe. Ostpreußens Hungerkinder erzählen vom Überleben“ in dem renommierten Hamburger Verlag Ellert & Richter vorgelegt. Ende 2018 ist dort auch sein zweites grundlegendes Werk „Heimatlos. Friedland und die langen Schatten von Krieg und Vertreibung“ erschienen. Für seine Wolfskinderforschung hat Spatz unter anderem Archive von Ministerien der Bundesrepublik und der DDR, so des Auswärtigen Amtes beziehungsweise des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten und der Ministerien des Innern, die Suchkartei des Deutschen Roten Kreuzes und Einzelfallakten des Grenzdurchgangslagers Friedland ausgewertet.
Die große Fähigkeit unseres Preisträgers liegt neben der intensiven Recherchearbeit zu geschichtlichen Fakten in seiner tiefgreifenden und emphatischen Art, Zeitzeugeninterviews zu führen, um authentische, nachempfindbare Schilderungen zu erhalten. Diese versetzen den Leser seiner Werke in die Lage, die bewegenden Lebensumstände und menschliche Schicksale zu begreifen.
Gefördert durch ein Graduiertenstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung, ist Spatz über zwei Jahre quer durch Deutschland gereist, um Interviewpartner zu finden, die bereit waren, ihm ihre Lebensgeschichten anzuvertrauen. Häufig handelte es sich um Menschen, die sich bisher keinem Menschen anvertraut hatten und deren Geschichten zuvor bloß selten oder gar nicht erzählt worden waren. Unterstützung bei der Kontaktherstellung hat Spatz zum Beispiel durch Ruth Geede und ihre Kolumne „Ostpreußische Familie“ in der Preußischen Allgemeinen Zeitung und die im nördlichen Ostpreußen aktiven Kreisgemeinschaften erfahren. Bei der Inter-viewarbeit kam Spatz zugute, dass er bereits als Kind durch viele Gespräche mit seinem Großvater gelernt hatte, dass gerade auch ältere Menschen interessante Geschichten erzählen. Das war eine ideale Voraussetzung für ein Projekt, in dem ganz viel von der Fähigkeit des Zuhörens und den psychologischen Fähigkeiten des Fragenden abhing.
Seine Interviews zeigen die Verlust- und Einsamkeitserfahrungen der Wolfskinder. Der allgegenwärtige Hunger, Seuchen, sexuelle Gewalt und Tod führten zu einem Enthemmungsprozess und zum gänzlichen Fehlen unbeschwerter Momente und der Erfahrung von Geborgenheit. Das benachbarte Litauen wurde zu einem Ort der Lebensmittelsuche und des Überlebens, obwohl es selbst unter Sowjetisierung und Deportationen nach Sibirien litt. Viele Litauer nahmen deutsche Kinder aus Barmherzigkeit auf, andere nutzen die Bettelkinder als günstige Arbeitskraft. Spatz unterscheidet fünf Typen von Wolfskindern: Pendler, die ihre in Ostpreußen verbliebenen Angehörigen versorgten; Scheinwaisen, die getrennt von ihrer Restfamilien zeitweilig in litauischen Familien lebten, Adoptivkandidaten in litauischen Pflegefamilien; Arbeitskräfte am unteren Rand der sowjetischen Gesellschaft und schließlich Jugendliche, die zäh an ihrer deutschen Identität festhielten.
Ein entscheidender Wendepunkt für viele Wolfskinder waren die Rückkehrmöglichkeiten in die deutsche Gesellschaft, seit 1947 zunächst über die Sowjetische Besatzungszone und im Rahmen der Familienzusammenführung dann auch nach Westdeutschland. Daneben gab es die Gruppe der Wolfskinder, die nach den letzten Sammeltransporten in Litauen verblieben und als Grenzgänger im Kalten Krieg häufig erst nach Jahren oder Jahrzehnten des Kampfes mit der sowjetischen Bürokratie in den Westen ausreisen durften.
Nach Abschluss seiner Doktorarbeit hat Spatz bundesweit zu dem Thema Wolfskinder in Schulen, Volkshochschulen und öffentlichen Veranstaltungen gesprochen. Ihm ist es zu verdanken, dass eines der traurigsten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte und eine der größten humanitären Ka-tastrophen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine vermehrte Aufmerksamkeit in der deutschen Öffentlichkeit erfahren hat. Seine Vorträge sind ein Ereignis. Mit einfühlsamen Worten und sprachlicher Präzession schildert er das Schicksal der Wolfskinder, berichtet von seinen menschlichen Begegnungen mit ihnen und analysiert die häufige Sprachlosigkeit in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, mit der sich die ostpreußischen Hungerkinder konfrontiert sahen, wenn sie von ihrem Schicksal berichteten. Dabei betont Spatz, dass die Wolfskinder trotz unheilbarer seelischer Wunden sich ihr Ausdauervermögen und ihre Zuversicht bewahrt haben. Am Ende hat den Hunger niemand überlebt, der nicht auch mutig, tapfer und anpassungsfähig war.
Die Landsmannschaft Ostpreußen würdigt mit der Auszeichnung auch den großen Einsatz unseres Preisträgers für eine staatliche Anerkennung des Schicksals der Wolfskinder. Eine Entschädigung hat man ihnen lange verwehrt. Erst im Sommer 2017 hat die Bundesregierung im Rahmen der Zwangsarbeiterentschädigung den Betroffenen eine einmalige Zahlung von 2500 Euro in Aussicht gestellt. Vorangegangen war eine Wolfskinder-Kampagne der Gesellschaft für bedrohte Völker, die Spatz wissenschaftlich und publizistisch intensiv begleitet hat.
Abschließen möchte ich mit einem Wort des Dankes an den Freistaat Bayern für die Finanzierung der Kulturpreisverleihung aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales.    Hans-Jörg Froese


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