Vor den Sowjets kamen die Briten

Vor 75 Jahren wurde Königsbergs Innenstadt durch einen menschengemachten Feuersturm weitgehend zerstört

02.09.19
Rauchende Trümmer: Königsbergs Innenstadt nach den Flächenbombardements von vor 75 Jahren Bild: PAZ-Archiv

In den beiden Nächten vom 26. auf den 27. und vom 29. auf den 30. August 1944 führte die Royal Air Force Flächenbombardierungen auf Königsberg durch mit dem Ziel, einen Feuersturm zu entfachen. Das Ziel wurde er­reicht. Rund 5000  Men­schen­leben kosteten die Terror­an­grif­fe, 200000 Königsberger wurden obdachlos.

Nur wenige Städte litten 1945 so massiv wie Königsberg. Flucht und Vertreibung, Ver­ge­wal­ti­gun­gen und Misshandlungen − oft mit tödlichem Ausgang − verdichteten sich in der ostpreußischen Metropole zu einem Narrativ des Grauens. Zerstörungen bei der Belagerung der Stadt und spätere Brandschatzungen durch die Rote Armee taten ein Übriges. Als wäre das alles nicht Schrecken genug, wurden Königsberg und das nördliche Ostpreußen im Potsdamer Abkommen sowje­tischer Verwaltung unterstellt − eine provisorische Maßnahme der Siegermächte, die durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. Sep­tember 1990 zum endgültigen Verlust deutscher Territorialhoheit führte.
Allerdings war Königsberg schon vor 1945 eheblichen Kriegseinwirkungen ausgesetzt. Bereits am 22./23. Juni 1941, gleich nach Beginn des Russlandfeldzugs, geriet die Stadt ins Visier der sowjetischen Luftstreitkräfte. Zweimotorige Iljuschin-Fernbomber beschädigten die Kaimauer und das städtische Gaswerk. Weitere Bombenabwürfe mit ebenfalls noch begrenzten Sachschäden erfolgten Ende August/Anfang September 1941. Heftiger wurde es am 10./11. und 29./30. April 1943, als viermotorige Flugzeuge des Typs Petljakow Pe-8 schwere Sprengbomben abwarfen, die eine wohl im zweistelligen Bereich liegende Zahl von Einwohnern das Leben kosteten.
Diese Angriffe reichten aber nicht an das vom britischen Bomberkommando erzeugte Inferno heran. Vor 75 Jahren, in den Nächten vom 26. zum 27. und vom 29. zum 30. August 1944, nahm das Unheil seinen Lauf. Oberbefehlshaber Arthur Harris schickte seine im Sprengen und Verbrennen ganzer Städte erfahrenste Staffel, die Bomber Group No. 5, auf die 1500 Kilometer weite Strecke nach Königsberg. 174 beziehungsweise 189 viermotorige Maschinen des Typs Avro 683 „Lancaster“ warfen insgesamt 900 Tonnen Bomben auf die Stadt ab.
Der erste Angriff wütete vor allem im nordöstlichen Stadtteil Maraunenhof, im Bereich Cranzer Allee, Herzog-Albrecht-Allee und Wallring. Getroffen wurden Kasernengebäude, hauptsächlich aber zivile Wohnhäuser. 1000 Menschen starben, 10000 wurden obdachlos. Ganze vier „Lancaster“-Bomber konnten von der Flugabwehr abgeschossen werden.
Noch furchtbarer verlief der zweite Angriff, obwohl das Wetter die Bewohner und Verteidiger Königsbergs zu begünstigen schien. 20 Minuten lang mussten die am Treibstofflimit fliegenden Briten warten, bis die Wolkendecke aufriss und den Blick auf die Stadt freigab. Immerhin 15 Maschinen konnten von deutschen Nachtjägern abgeschossen werden. Innerhalb weniger Minuten zerbarsten und verbrannten die Innenstadtteile Altstadt, Löbenicht und Kneiphof im Bombenhagel. Zerstört wurden alle historischen Gebäude mit ihrer unersetzlichen Ausstattung, der Dom und zwölf weitere Kirchen, das Schloss, die Alte und die Neue Universität mit vielen Instituten und Kliniken, das Kneiphöfsche Rathaus (Stadtgeschichtliches Museum), das Opernhaus, die Staats- und Universitätsbibliothek, das malerische Speicherviertel, die seit 1722 bestehende Buchhandlung Gräfe und Unzer und die Hälfte aller Schulen. Ein Raub der Flammen wurden auch das Geburtshaus E.T.A. Hoffmanns und das Wohnhaus Heinrich von Kleists.
Rund 5000 Tote neben 200000 Obdachlosen beschreiben den Blutzoll Königsbergs am 30. August 1944. Mit einem ausgeklügelten Spreng- und Brandbombeneinsatz unter Ausnutzung der dichten Bebauung entfachten die routinierten Angreifer einen apokalyptischen Feuersturm. Aus den Kellern brennender Häuser gab es kein Entrinnen. Mochte man drei Tage zuvor angesichts beschädigter Kasernen von einem „unterschiedslosen Bombardement“ auf zivile und militärische Objekte sprechen, so war der Luftschlag vom 29./30. August 1944 reiner Bombenterror, der ausnahmslos zivilen Zielen galt. Zudem durchquerten die auf kürzestem Weg von England nach Königsberg fliegenden Bomberstaffeln den Luftraum Schwedens, eine gravierende Verletzung der schwedischen Neutralität, die zum diplomatischen Protest der dortigen Regierung führte.
Warum aber wurde Ostpreußens Metropole von der Royal Air Force (RAF) attackiert? Parallelen zum Doppelschlag auf Dresden am 13./14. Februar 1945 drängen sich auf. Der heranrückenden Roten Armee sollte wohl die Schlagkraft des Bomber Command demonstriert werden, zumal Josef Stalin die britische Regierung seit Längerem drängte, ihre Kriegsanstrengungen zu steigern. Die Vernichtung Königsbergs dürfte zudem ein Signal an Finnland und dessen nun ebenfalls von britischen Militärbasen erreichbare Hauptstadt Helsinki gewesen sein. Finnland war damals lose mit dem Deutschen Reich verbündet, bevor es kurz darauf die Fronten wechselte.
Vor allem aber arbeitete die Royal Air Force in der Stadt Immanuel Kants ihre Strategie des totalen Luftkriegs ab. Bereits 1914/18 hatte der britische Munitionsminister Winston Churchill von einem − damals noch unrealistischen − „Tausendbomberangriff“ auf Berlin geschwärmt, dessen gewaltiges Demoralisierungspotenzial den Ersten Weltkrieg schlagartig beenden sollte. 1925 verstieg sich der selbsternannte „Soldier of Christ“ in ein wahres Armageddon: „Der Tod steht in Bereitschaft, … die Menschen in Massen hinwegzumähen, bereit, wenn man ihn ruft, die Zivilisation ohne Hoffnung auf Wiederaufbau zu Staub zu zerstampfen. Vielleicht wird es sich das nächste Mal darum handeln, Frauen und Kinder oder die Zivilbevölkerung überhaupt zu töten, und die Siegesgöttin wird sich zuletzt voller Entsetzen demjenigen vermählen, der das in gewaltigstem Umfang zu organisieren versteht.“
Churchills Aussagen leiten über zu der nach dem RAF-Mitbegründer sowie ersten Chief of the Air Staff und Marshal of the Royal Air Force Hugh Trenchard benannten Trenchard-Doktrin vom unterschiedslosen Luftkrieg gegen (angeblich untrennbar miteinander verzahnte) zivile und militärische Ziele. 1936 wurde ein strategisches Bomberkommando geschaffen, „dessen Daseinsberechtigung allein darin lag, Deutschland zu bombardieren, wenn es unser Feind sein sollte“, wie James Molony Spaight, Unterstaatssekretär im britischen Luftfahrtministerium, es 1944 formulierte.
Zum nächsten Meilenstein avancierte die Area Bombing Directive vom 14. Februar 1942. Mit Flächenangriffen auf Innenstädte, dem sogenannten Morale Bombing, wollte Churchill, inzwischen Premierminister, die Kampf- und Durchhaltemoral der Deutschen brechen. Charles Portal, von 1940 bis 1946 Trenchards Nachfolger als Chief of the Air Staff, gab Interpretationshilfe: „Ich nehme an, es ist klar, dass die Zielpunkte die Wohngebiete sein sollen und nicht Werften oder Flugzeugfabriken. Das muss ganz deutlich gemacht werden, falls es noch nicht verstanden worden ist.“ Einige Wochen später gingen die leicht brennbaren Altstädte von Lübeck und Rostock in Flammen auf.
Immer mehr Brand- und Sprengbomben prasselten auf Zivilisten, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in mehr als 100 deutschen Städten herab. Sie töteten etwa eine halbe Million Menschen. Den ersten Feuersturm mit vierstelliger Opferzahl entfachten die Briten am 29./30. Mai 1943 in Wuppertal-Barmen. 35000 Zivilisten erstickten und verglühten bei Angriffen auf Hamburger Arbeiterwohnviertel Ende Juli 1943, die zynischerweise den Codenamen „Operation Gomorrha“ trugen. Viele Ostdeutsche starben als Flüchtlinge vom 13. bis 15. Februar 1945 in Dresden sowie am 12. März 1945 im vorpommerschen Ostseehafen Swinemünde, als die United States Army Air Force (USAAF) bei einem „Verkehrsangriff auf Rangierbahnhöfe“, so die Annalen der 8. US-Flotte, über 20000 Menschen ins Jenseits beförderte.    Björn Schumacher

Waren diese Terrorangriffe auf Zivilisten erlaubt?

Durften die Briten Königsberg mit Hunderten von Spreng- und Brandbomben auslöschen? Vom Standpunkt einer deontologischen beziehungsweise Pflichtenethik, die menschliche Handlungen losgelöst von ihren mittelbaren (unter Umständen begrüßenswerten) Folgen bewertet und kategorische statt konditionaler Verhaltensbefehle erteilt, ist das zu verneinen. Auf den Punkt brachte es 1539 der spanische Spätscholastiker Francisco de Vitoria: „Niemals ist es erlaubt, Unschuldige als solche und absichtlich zu töten.“ Der dem scholastischen Naturrecht nahestehende Robert Spaemann folgert daraus „das strikte Verbot von Bombardements auf offene Wohngebiete im Krieg“.
Aber auch der moralphilosophische Gegenentwurf, die konsequentialistische beziehungsweise Handlungsfolgenethik, bringt kein anderes Resultat. Der Lobpreis britischer Historiker auf die Flächenbombardements, die angeblich zur Kriegsverkürzung und dem Ende der NS-Herrschaft beigetragen hätten – der britische Nachkriegshistoriker Richard Overy sprach von „barbarisch, aber sinnvoll“ – scheitert am Verhältnismäßigkeitsprinzip. Mag das erstrebte (militärische) Ziel noch so wertvoll sein, rechtfertigungsfähig sind darauf gerichtete Handlungen nur dann, wenn der gleichzeitige Verlust anderer moralischer Güter auf das erreichbare Minimum beschränkt bleibt. Anders gewendet: Unter allen geeigneten Mitteln zur Realisierung eines überragend guten Zwecks kann nur jenes Mittel moralisch erlaubt sein, das andere moralische Güter so weit wie möglich verschont. Das waren hier Präzisionsangriffe auf militärische Objekte im Deutschen Reich, wie sie treffsicher von den US-Amerikanern geflogen wurden. Die Treibstoffversorgung der Wehrmacht kam dadurch zum Erliegen.
Waren die Flächenbombardements (Area Bombing) auf Königsberg auch kriegsrechtlich verboten? Dagegen könnte sprechen, dass die Vertragsstaaten der maßgebenden Haager Landkriegsordnung (HLKO) von 1907 über taktische Luftoperationen an der Front, jedoch nicht über − damals undurchführbare − strategische Angriffe auf feindliches Hinterland debattiert haben. Allerdings ist das Gesetz klüger als der Gesetzgeber, um es mit dem deutschen Rechtsphilosophen Gustav Radbruch zu sagen. Die Interpretation einer Rechtsnorm verlangt auch im Völkerrecht den Rück­griff auf Sinn und Zweck dieser Norm. Sinnvoll auslegen lässt sich die HLKO nur im Lichte ihrer Zivilschutzidee. Daraus folgt, dass die vom Wortlaut in etwa passenden Art. 23 b und g, 25 und 27 HLKO die Vernichtungsangriffe auf Königsberg, Hamburg oder Dresden tatsächlich verboten haben. Alternativ lässt sich die Meinung vertreten, das Area Bombing des Zweiten Weltkriegs habe geltendes Kriegsvölkergewohnheitsrecht verletzt.    B.S.


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Kommentare

H. Schinkel:
15.09.2019, 16:09 Uhr

Zu diesem Artikel kann ich meine Schwiegermutter zitieren. Die wurde als Schulkind von englischen Tieffliegern mehrmals auf dem Heimweg beschossen. Danach kamen die Amerikaner als "Befreier" und haben erst einmal die Dorfkirche in Schutt und Asche gelegt.

Auf die Frage wer denn schlimmer war, die Engländer oder die Amerikaner, kam wie aus der Pistole geschossen das es die Amerikaner waren. Die US-Armee war nicht umsonst als Vergewaltigungsarmee bekannt.

Aber sowas will der linke Gutmensch heute gar nicht mehr wissen.


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