Wahrlich historisch

Warum die Deutschen weg sind, wie wir Feinde gewinnen und Einfluss verlieren, und wie Syrer unter der deutschen Hitze leiden / Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel

05.07.19

Manchmal wundert man sich, worüber sich die Leute so alles wundern. So gaben sich viele Kommentatoren ganz erstaunt, dass es Kanzlerin Merkel nicht gelungen sei, den CSU-Politiker Manfred Weber als Präsidenten der EU-Kommission durchzusetzen. Die Wahrheit ist: Seit Merkel die deutsche Regierung führt, ist nie mehr ein Deutscher auf einen internationalen Spitzenposten gelangt. Wenn jetzt tatsächlich Ursula von der Leyen EU-Kommissionspräsidentin werden sollte, wäre dies nicht Merkels Plan entsprungen, sondern die Idee des Polen Donald Tusk gewesen. Außerdem möchte man Deutschland und der EU wünschen, dass Tusk damit scheitert.
Bis dahin wäre der letzte Deutsche auf einem global herausgehobenen Posten Horst Köhler gewesen, der vor seiner Zeit als Bundespräsident dem Internationalen Währungsfonds (IWF) vorsaß. Dahin allerdings hatte ihn Gerhard Schröder gehievt. Dann kam Merkel, und mit ihr bislang kein einziger Deutscher mehr auf irgendeine wichtige Position. Bemerkenswert, wo Deutschland die größte Volkswirtschaft und Nation der EU ist. Der Publizist Gabor Steingart meint, Merkel glaube offenbar, dass man „dem deutschen Interesse am besten dadurch dient, dass man es nicht durchsetzt“, womit die Kanzlerin unser Land zur „unsichtbaren Nation“ gemacht habe.
Deutschland „unsichtbar“? Das ist ungerecht. Die Kanzlerin hat unser Land nämlich sehr wohl ins Rampenlicht gerückt, und wie! Sie hat die Partner im europäischen Energieverbund mit ihrer unabgesprochenen „Energiewende“ brüskiert. Sie hat die EU-Außengrenzen eingerissen, und ihre Anhänger beschimpfen seitdem jeden, der diese Grenzen zu reparieren versucht, von Ungarn bis Italien. Merkel hat den US-Präsidenten gleich nach dessen Wahl streng und öffentlich zur Einhaltung „unserer Werte“ ermahnt. Ein diplomatisch einmaliger Vorgang, der jenseits des Atlantiks allerhand Wellen (der Entrüstung) geschlagen hat.
Sie hat es sogar geschafft, den Südeuropäern während der Euro-Krise mit deutschen Milliarden unter die Arme zu greifen und sie gleichzeitig (!) so sehr gegen Deutschland aufzubringen, wie wir es teilweise noch nie erlebt haben − etwa bei den traditionell deutschfreundlichen Spaniern.
Also, das ist doch was! Unsichtbar? Quatsch. Durch Merkels Politik ist Deutschland in den Medien der Welt so allgegenwärtig wie die Grippegefahr im Winter. Und genauso beliebt. „Merkels bittere Brüssel-Blamage: Europa rächt sich an der Kanzlerin“, titelt die „Bild“. Rächen? Wofür nur?
Ob ihr die Deutschen das übelnehmen? Kaum, die Staatsmedien stellen sicher, dass unsere Bewunderung für die Kanzlerin keine Blessuren erleidet. Außerdem weiß Merkel, wie man es anstellt, dass alles um einen herum in Trümmer fällt, ohne selbst einen Kratzer abzubekommen.
Gegenüber besagter Boulevard-Zeitung hat ein „hochrangiger CDU-Mann“ gegiftet: „Sie (Merkel) wird schon dafür sorgen, dass sie aus der Sache (dem Scheitern von Unionskandidat Weber) möglichst unbeschadet herauskommt. Denn für sie sind die drei wichtigsten Buchstaben nicht CDU, sondern: ICH.“ Dass die „wichtigsten Buchstaben“ eigentlich elf an der Zahl sein sollten, die zusammengesetzt „Deutschland“ ergeben, darauf ist der „hochrangige CDU-Mann“ nicht gekommen. Was soll’s?
Um den begehrten „Platz in den Geschichtsbüchern“ muss unsere ewige Regierungschefin nicht bangen, denn ihr Werk erstrahlt in historischer Einmaligkeit. Normalerweise ist es ja so: Neid, Argwohn, ja Wut bei den Nachbarn kann es erregen, wenn eine Regierung ihr Land immer stärker macht und eine internationale Position nach der anderen erobert. Macht eine Führung ihr Land dagegen schwächer, indem es die Grundlagen seines Reichtums untergräbt („Energiewende“, Krieg gegen die Auto-Industrie), ihm immer neue Lasten aufbürdet (Euro-Rettung, Grenzöffnung) und es auch noch verkommen lässt (Verfall von Schulen, Infrastruktur und so weiter), dann quittieren die Nachbarn das eher mit Häme, schlimmstenfalls sogar Mitleid. Die politische Führung Deutschlands hat nun das Undenkbare möglich gemacht: Während sie Deutschland konsequent, umfassend und nachhaltig schwächt, bringt sie die Nachbarn immer heftiger gegen uns auf − ein noch nie gesehenes Kunststück der Weltpolitik! Wahrlich historisch.
Damit der Schmerz bei den Partnern nicht nachlässt, muss die Dosis an Provokation und Beleidigung stetig erhöht werden. SPD-Außenminister Heiko Maas donnert auf Facebook wegen der Festsetzung der „Sea-Watch-3-Kapitänin“ durch die italienischen  Behörden: „Aus unserer Sicht kann am Ende eines rechtsstaatlichen Verfahrens nur die Freilassung von Carola Rackete stehen. Das werde ich Italien nochmal deutlich machen.“
Der bekannte Blogger Don Alphonso ringt nach Luft: „So stelle ich mir den Sommer 1914 vor. Er (Maas) sagt nicht: Dem italienischen Botschafter oder unseren Gesprächspartnern. Er sagt nicht: Dem Außenminister Enzo Mila­nesi. Er sagt nicht: Dem Justizminister Alfonso Bonafede. Er sagt: Italien. Das Land. Das Volk. Maas ist amtsuntauglich.“
Amtsuntauglich? Das kommt darauf an, was man vorhat. Wenn es ihnen darum geht, nicht nur Deutschland in die Grütze zu fahren, sondern zugleich auch die EU tödlich zu verwunden, dann halten der Außenminister wie die Kanzlerin wacker Kurs. Erinnern wir uns: Jahrelang schien es sicher zu sein, dass die Briten den Brexit ablehnen würden. Erst Merkels Grenzöffnung 2015 hat laut Meinungsforschern die (knappen) Mehrheitsverhältnisse kippen lassen.
Jetzt sitzen wir mit Süd- und Osteuropäern beinahe allein im Boot. Was liegt da näher, als sich nunmehr auf die verbliebenen Restpartner so richtig einzuschießen, wie es „Chefdiplomat“ Maas fulminant vorführt. Zumal die ignoranten Italiener offenkundig nicht kapieren wollen, wie Vorfälle à la Lampedusa neuerdings zu handhaben sind.
Bei denen läuft das so: Bricht jemand widerrechtlich in ihr Gebiet ein und zerquetscht dabei fast ein Patrouillenboot, dann wird er festgesetzt, vor Gericht gestellt und möglicherweise verurteilt. „Rechtsstaat“ nennen sie dieses merkwürdige Prozedere.
„Rechtsstaat“ ist eine dieser rechtspopulistischen Hetzvokabeln, mit denen dunkle Gestalten auch hierzulande den Hass schüren und die Gesellschaft spalten. Aber bei uns kommen sie damit nicht durch. Unsere Führung steht nämlich nicht nur über dem Recht, sie hat neuerdings sogar die Mathematik besiegt.
Beweis: Neulich hat ein Oppositionsparlamentarier die Beschlussfähigkeit des Bundestages angezweifelt. Damit die gegeben ist, muss mehr als die Hälfte der Abgeordneten im Saal sein. Es waren aber nur rund 100 von 709. Macht nichts: Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth stellte fest, dass 100 mehr als die Hälfte von 709 und die Beschlussfähigkeit damit gegeben ist. Basta.
So leuchtet der Bundestag als authentisches Spiegelbild von Deutschland im Jahre 2019. Warum sollten im Parlament denn noch die Regeln und Gesetze gelten, wenn sich draußen das Land so „drastisch verändert“, wie es Katrin Göring-Eckardt schon 2015 voller Freude vorhergesagt hat.
Diese Veränderung bringt es mit sich, dass die Befolgung von Recht und Regeln zur Glücks- oder Verhandlungssache wird, was dann beispielsweise so aussieht: Täglich machen Meldungen die Runde über Ausschreitungen in Freibädern, wo „Gruppen“ oder „junge Männer“ (deren Herkunft möglichst unerwähnt bleibt und deren Hiersein natürlich nichts mit der Grenzöffnung seit 2015 zu tun hat) prügeln, messern, provozieren, beleidigen und Ähnliches, ohne dafür bestraft zu werden.
In Düsseldorf erklärte ein Polizeisprecher die Eskalation mit dem Wetter. Die große Hitze habe den „jungen Männern“ zugesetzt. Klar, an Temperaturen über 30 Grad müssen sich Algerier, Iraner oder Syrer halt erst gewöhnen.


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Kommentare

Rudolf Kraffzick:
9.07.2019, 15:44 Uhr

Was hilft alle gute Satire, alles berechtigte Klagen derzeit in Deutschland. Der groesste AFD Landes-verband NRW zerfleischt sich gerade undd der saechsische vergeigt die Landesliste zur Landtagswahl. Das gehoert genauso aufgespiesst. Beendet eure provinziellen Fluegelkaempfe, speziell die Distanzeritis und professionalisiert euch. Die Nation braucht euch dringend jetzt.


Arnold Schacht:
7.07.2019, 20:43 Uhr

Irgendjemand (leider weiß ich nicht mehr, wer es war - mag sein Broder bei Achgut-Pogo auf YouTube) hat schon ein paar Wochen vor der EU-Wahl gesagt, Weber werde es eh nicht.

Wird v.d. Leyen die EU genauso in Grund und Boden regieren wie die Bundeswehr?

Natürlich war die Sache mit dem eigentlich beschlussunfähigen Bundestag eine Frechheit. Diese Regel hat nicht die AfD in die Geschäftsordnung geschrieben sondern die anderen Parteien. Sich aufzuregen, dass die AfD sich dieser Regel bedient, wenn sie es für nötig hält, ist ungefähr so sinnvoll, wie einer Fußballmannschaft vorzuwerfen, die Abseitsfalle aufzubauen. Wenn es diese Regel gibt, darf man sie auch anwenden ansonsten ist sie FÜR ALLE zu streichen. Aber auch hier liegt der Teufel im Detail: Rechtsbruch war Roths Vorgehen wohl nicht. Denn wenn ich das richtig verstanden habe, sieht die Regel nur vor, dass durchgezählt wird, wenn im Präsidium Uneinigkeit herrscht, ob der Bundestag beschlussfähig sei oder sich einig ist, dass er es nicht sei. Die waren sich aber einig, dass er es sei - damit entfällt das Nachzählen. Das ist eine Lücke im Regelwerk. Es rächt sich natürlich die Tatsache, dass die AfD nicht im Präsidium vertreten ist.


Michael Holz:
7.07.2019, 09:45 Uhr

Sehr geehrter Herr Heckel,

Ihr Beitrag ist leider keine Satire! Der Form nach, möglicher Weise ja, aber nicht dem Inhalt nach. Das haben meine Vor-Kommentatoren auch zum Ausdruck gebracht. Das was wir täglich in Deutschland erleben, ist Real-Satire pur, ein Gemisch aus Dekadenz, Dummheit und Ignoranz. Ich lebe nun schon seit über 20 Jahre, mit kurzen Unterbrechungen, im Ausland. Stets habe ich mit meinem alten Vaterland gefühlt und mich als Deutscher/Preuße empfunden. Dieses Gefühl geht mir nach und nach verloren. "Die Deutschen" haben wieder einmal ihre Seele verloren - und ich mein Vaterland.


Edgar Klüppelberg:
6.07.2019, 20:32 Uhr

... "Unsere Führung steht nämlich nicht nur über dem Recht, sie hat neuerdings sogar die Mathematik besiegt." ...



Nicht nur die Mathematik wurde besiegt, sondern auch das Vertragsrecht.

Dass Deutschland kein Rechtsstaat mehr ist, habe ich bereits vor einigen Jahren feststellen müssen. 2013 wurde meine kapitalisierte Lebensversicherung, welche für meine Altersvorsorge angelegt wurde, fällig. Leider bekam ich nicht die zugesagte Summe ausbezahlt, denn nach Vertragsabschluss wurde einseitig eine Gesetzesänderung vorgenommen, die besagt, dass bei Fälligkeit der Lebensversicherung Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge nachträglich, auf die fällige Summe zu leisten sind. Also wurde der zu erwartende Betrag um rund 20 % gekürzt freigegeben. Zur Freude meiner Krankenkasse.



Diese gesetzliche, rückwirkende Vertragsverletzung der Merkel-Regierung war meines Wissens bisher einmalig.



Leider sind inzwischen Tausende Ruhestandsvorsorger von dieser Vorgehensweise betroffen. Klagen gegen diese Rechtsverletzung verliefen bisher ins Leere.


Siegfried Hermann:
5.07.2019, 12:17 Uhr

Herr Heckel,

warum Satire???
Das ist doch die nackte Wahrheit oder die "KaiserIn" ohne Kleider.

Nun gut.
Wir leben in gefährlichen Zeiten, wo die Wahrheit nicht genannt werden darf und jeder richtig verfolgt und bestraft wird der es trotzdem wagt, aber
das ganze -- noch-- als Satire durchgehen gehen lässt.

Schönes Wochenende allen


Lothar Liedtke:
5.07.2019, 04:26 Uhr

Wer weiß, vielleicht verfolgt Merkel doch noch einen eigenen geheimen Plan, als sie von der Layen für den EU Vorsitz vorgeschlagen hat. Sie weiß natürlich das diese bis jetzt keine Mehrheit hat. Sollte diese scheitern müßte die EU Familie sich auf einen neuen Kandidaten einigen. Es wird sich schon einer finden der Merkel dann zur Kaiserin bzw. Kandidatin ausruft. Der Trick hat doch schon einmal funktioniert, als Merkel damals dem Stoiber den Vortritt als Kanzlerkandidat gelassen hat. Die Sozialdemokraten und Grüne würden bestimmt zustimmen.


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