Wie »Ostpolen« zu Polen kam

Vor 100 Jahren begann der Polnisch-Sowjetische Krieg, der mit der polnischen Annexion nichtpolnischer Gebiete endete

18.02.19
Von Polen in der Zwischenkreigszeit erobert und nach dem Hitler-Stalin-Pakt wieder verloren: Das mehrheitlich von Nichtpolen bewohnte „Ostpolen“ (braun) Bild: FronterasDePolonia19201947.svg: Rowanwindwhistler

Die sogenannte Westverschiebung Polens auf Kosten Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde von den Siegermächten damit gerechtfertigt, dass Polen für den Verlust seiner Ostgebiete an die UdSSR entschädigt werden müsse. Dabei handelte es sich bei „Ostpolen“ lediglich um ein mehrheitlich von Nicht-Polen bewohntes Raubgut aus dem Polnisch-Sowjetischen Krieg, der vor 100 Jahren begann.

Um das Ende des Ersten Weltkrieges entstanden durch die Niederlage des Deutschen Reiches, den teilweisen Zerfall des Zarenreiches und den Untergang von Österreich-Ungarn diverse neue Nationalstaaten in Ostmitteleuropa, darunter auch die Zweite Polnische Republik, die sich am 7. Oktober 1918 formell für unabhängig erklärte. Allerdings blieben die genauen Grenzen Zwischenkriegspolens zunächst noch undefiniert beziehungsweise umstritten. Letzteres galt insbesondere für die Grenze zum Sowjetstaat.
Gemäß dem Selbstbestimmungsrecht der Völker hätte der polnische Nationalstaat dort enden müssen, wo keine ethnische polnische Mehrheit mehr existierte. Das entsprach aber nicht dem Interesse des im März 1920 zum Marschall erhobenen Józef Piłsudski, seit Ende 1918 unbestrittener Führer des polnischen Staates und Oberkommandierender von dessen Streitkräften. Der wollte die Wiederherstellung des Zustandes vor den sogenannten drei Teilungen Polens in den Jahren 1772, 1793 und 1795 beziehungsweise die Restaurierung des Imperiums der Jagellionen oder der Adelsrepublik Polen-Litauen, beides multi­ethnische mittel- und osteuropäische Großmächte während des 15. bis 18. Jahrhunderts. Das Ganze sollte in der zeitgemäßeren Form einer slawischen Konföderation namens „Miedzymorze“ (Zwischenmeer) geschehen, deren Territorium von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichen und Polen die Möglichkeit bieten sollte, Hegemonialmacht im Raum zwischen dem Deutschen Reich und Russland zu werden.
Bei diesem Bestreben genossen Piłsudski und dessen Unterstützer die weitgehende Rückendeckung Frankreichs, das einen westmächtefreundlichen sogenannten Cordon sanitaire befürwortete. Dieses Isolationsgebiet zur Eindämmung von Seuchen, das bedeutet „Cordon sanitaire“ nämlich eigentlich, sollte eine Nachbarschaft Deutschlands und des Sowjetstaats und damit eine enge, nachbarschaftliche, unkontrollierte Zusammenarbeit zwischen den Parias ebenso verhindern wie ein Übergreifen der bolschewistischen Revolution vom Sowjetstaat auf Mittel- und Westeuropa. Daraus resultierte später unter anderem die Entsendung von Militärberatern nach Warschau, zu denen auch ein Hauptmann Charles de Gaulle gehörte.
Im Gegensatz zu Polen, das die Sympathie der Westmächte im Allgemeinen und Frankreichs im Besonderen genoss, standen die Bolschewisten Anfang 1919 mit dem Rücken zur Wand. Die Rote Armee war zwar zahlenmäßig imponierend, aber schlecht ausgerüstet und ausgebildet. Und sie befand sich in einem erbitterten Kampf gegen mehrere Armeen der Weißen, die mit Unterstützung der Westmächte die Bolschewiki von der Macht zu verdrängen suchten.
Die Gunst der Stunde beziehungsweise die Schwäche des Nachbarn nutzte Piłsudski, um seine Pläne mit militärischen Mitteln in die Realität umzusetzen. Vom 14. bis zum 16. Februar 1919 kam es nahe dem weißrussischen Dorf Bjarosa zu Feuergefechten zwischen polnischen und sowjetischen Einheiten in Kompaniestärke. Den ersten bewaffneten Auseinandersetzungen mit Sowjetrussland im Februar 1919 folgte bis Ende April des gleichen Jahres die Besetzung Wilnas, der Hauptstadt der Litauisch–Weißrussischen Sozialistischen Sow­jet­republik. Dann hielt Piłsudski inne, um abzuwarten, dass sich Bolschewiki und Weiße endgültig gegenseitig zerfleischen.
Währenddessen tagte die Pariser Friedenskonferenz, in deren Verlauf die Westalliierten am 8. Dezember 1919 die Curzon-Linie als vorläufige Demarkationslinie zwischen Polen und Sowjetrussland festlegten. Die nach dem damaligen britischen Außenminister George Curzon benannte Linie markierte die ungefähre Ostgrenze des Gebietes mit einer polnischsprachigen Mehrheitsbevölkerung und entsprach weitgehend der heutigen polnischen Ostgrenze. Das lief jedoch den Groß­macht­ambitionen Warschaus zuwider.
Deshalb startete Polen im April 1920 seine nächste Offensive über die Curzon-Linie hinaus, in deren Verlauf die Truppen Piłsudskis kurz darauf in der ukrainischen Hauptstadt Kiew einmarschierten. Allerdings unternahm die Rote Armee schon am 15. Mai 1920 einen massiven Gegenangriff. Der führte sie im August bis auf 100 Kilometer an Warschau heran, sodass die Niederlage Polens unmittelbar bevorzustehen schien. In dieser Situation ereignete sich das sogenannte Wunder an der Weichsel. Polen konnte den Krieg unerwarteterweise zu seinen Gunsten wenden, weil der sowjetische Offensivplan grob fehlerhaft und die westalliierte Militärhilfe massiv war. Anschließend stieß die polnische Armee erneut weit nach Osten vor und rückte unter anderem in die weißrussische Hauptstadt Minsk ein; ebenso wurde Wilna nochmals besetzt.
Der Krieg endete am 18. März 1921 mit dem Vertrag von Riga, der sehr zum Nachteil des geschwächten Sowjetstaats ausfiel. So sah das Friedensabkommen neben der Zahlung von 30 Millionen Goldrubel Kriegsentschädigung an Warschau eine deutliche Verschiebung der polnisch-sowjetischen Grenze mit einer Ausweitung des polnischen Staatsgeietes um 180000 Quadratkilometer auf Kosten Moskaus vor. Die neue Grenze lag nun bis zu 250 Kilometer östlich der Curzon-Linie und der Volkstumsgrenze. Das bedeutete, dass sich die polnische Bevölkerung in den von Piłsudski annektierten Gebieten in der Minderheit befand. Letztlich machten die Polen im gesamten neuen „Ostpolen“ weniger als zehn Prozent der Bevölkerung aus. Deshalb zählte die Polnische Republik nun zwar 27 Millionen Einwohner, von denen aber lediglich 19 Millionen ethnische Polen waren.
Vor diesem Hintergrund hätte Polen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs überhaupt keine „Kompensationen im Westen“ für seine „Gebietsverluste im Osten“ zugestanden, als Stalin die 1939 von der Roten Armee besetzten „polnischen“ Gebiete östlich der Curzon-Linie mit Billigung der Westalliierten der Sowjetunion einverleibte. Schließlich war „Ostpolen“ nicht einmal zwei Jahrzehnte lang Teil der Zweiten Polnischen Republik gewesen – und das auch nur im Ergebnis eines ebenso brutalen wie niederträchtigen Angriffskriegs und unter Verletzung des Selbstbestimmungsrechtes unzähliger Weißrussen, Litauer, Ukrainer.    Wolfgang Kaufmann


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