Auf dem Weg in die Zweitklassigkeit

Thyssenkrupp wird bald kein DAX-Unternehmen mehr sein

17.09.19
Die stahlblaue Zeit ist vorbei:

Es war einst ein deutsches Vorzeigeunternehmen, doch nun steckt Thyssenkrupp in der schwersten Krise seiner Geschichte. Am Ende könnte sogar die Zerschlagung des Konzerns stehen.

Die Serie der Misserfolge ist dabei lang. „Angefangen vom EU-Verbot der Stahlsparten-Fusion über niedrige Stahlpreise, hohe Schulden, Krise in der Autobranche, die allgemeine Konjunkturschwäche und den anhaltenden Sinkflug der Aktie, der wiederum die Großaktionäre auf den Plan ruft“, urteilte das „Manager Magazin“ kürzlich bitter. Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff habe in seinen gerade mal rund 13 Monaten an der Spitze des Unternehmens mehr schlechte Nachrichten verkraften müssen als viele Konzernlenker in ihrer gesamten Amtszeit. Nach der Commerzbank als DAX-Mitglied der ersten Stunde steht nun auch Thyssenkrupp vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit. Seit dem vergangenen Mittwoch ist absehbar, dass der Industriekonzern nach 31 DAX-Jahren von September an nur noch im MDAX auftauchen wird. Dieser zeigt die Entwicklung der 60 größten Unternehmen an, die auf die 30 DAX-Unternehmen bezüglich ihrer Marktkapitalisierung und ihres Orderbuchumsatzes folgen. Der Kursverlauf der Thyssenkrupp-Aktie der vergangenen Monate beschreibt das Kapitel des Niedergangs. Um rund 50 Prozent brach die Aktie ein, seit Chefkontrolleur Ulrich Lehner und Vorstandschef Heinrich Hiesinger das Unternehmen im Sommer 2018 verlassen haben.
Nachfolger Kerkhoff hat sich schon länger darauf vorbereitet, die erste Börsenliga zu verlassen. Die Zugehörigkeit zu einem Index gehöre angesichts der vielfältigen sonstigen Probleme des Konzerns derzeit nicht zu den Prioritäten des Managements, erklärte er während einer Pressekonferenz vor Wochen: „Es geht nicht um Eitelkeiten. Es geht vielmehr darum, den Ruhrkonzern endlich wieder zukunftsfähig aufzustellen“, sagte er. Den Regeln zufolge kann aus dem Leitindex fliegen, wer bei Marktkapitalisierung oder Börsenumsatz schwächelt. Bei beiden Werten sieht es für den Stahlkonzern aus dem Ruhrgebiet, dessen Vorläufer Thyssen zu den DAX-Gründungsmitgliedern zählt, mehr als mau aus. Nachfolger von Thyssenkrupp im DAX wird der Triebwerksproduzent MTU.
Konzernchef Kerkhoff wirkt mittlerweile wie ein Getriebener: Die Stahlfusion mit dem indischen Konkurrenten Tata untersagte die EU vor einigen Monaten,  sein Plan, den Konzern in zwei Teile aufzuspalten, scheiterte am Veto des Aufsichtsrates. Nun hat Kerkhoff die „Gesundschrumpfung“ ausgerufen. Die Verwaltung soll schlanker, Stellen gestrichen und schwächelnde Sparten womöglich verkauft werden. Das Stahl-Geschäft soll trotz der ständigen Marktschwankungen wieder im Zentrum stehen. Dies hängt auch damit zusammen, dass ein Käufer für die Stahlsparte nicht in Sicht ist. Geld könnte dagegen die Aufzugs-Sparte bringen, mit der der Konzern schwarze Zahlen schreibt. Kerkhoff versuche jedenfalls, ein Bieterrennen von Investoren und Wettbewerbern anzuheizen, spekuliert die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und zitiert Kerkhoff mit der Aussage, „dass bei einem Börsengang“ der Aufzugssparte der Zug abgefahren sei. Damit will er offenbar den Preis hochtreiben, um das verbliebende Tafelsilber doch noch verkaufen zu können. Dieser Plan könnte einigen Aktionären gefallen. Investoren wie der schwedische Großaktionär Cevian und Paul Singer vom Hedgefonds Elliott fordern bereits seit Jahren eine Zerschlagung des Konzerns und verweisen auf die Erfahrungen mit Siemens: Die Münchener hatten in den vergangenen Jahren nach und nach Konzernteile wie Infineon, Osram und Siemens Healthineers abgespalten und an die Börse gebracht. Der Mutterkonzern konnte sich so sanieren. Doch dem einstigen Stahlriesen aus Essen scheint es an einer Zukunftsvision zu fehlen. Und eine strukturierte Vergangenheitsbewältigung gehört auch nicht zu den Stärken der Führungsriege.
Kerkhoff argumentiert bei der Suche nach dem Krisenherd immer mit der Marktlage. Doch viele Probleme waren in der Vergangenheit hausgemacht. Ein Managementfehler folgte dem nächsten. So setzte der damalige Vorstands-chef Ekkehard Schulz 2010 die lange geplante Auslands-Expansion in den Sand. Das Amerika-Abenteuer des „Eisernen Ekki“ habe sich zum Desaster entwickelt, hieß es in Kommentaren. Die Bilanz war eine einzige Katastrophe. Nach Verkauf der Werke in Brasilien und den USA 2017 blieb unterm Strich ein Verlust von rund acht Milliarden Euro. „Die Restrukturierung bei Thyssenkrupp geht nur langsam voran“, kritisiert Analyst Carsten Riek von der Schweizer Bank Credit Suisse in einer aktuellen Studie: „Es gibt erhebliche Risiken in der Bilanz.“ So habe der Grad der Verschuldung längst bedenkliche Ausmaße angenommen. Zuletzt beliefen sich die Nettofinanzschulden auf 5,1 Milliarden Euro. Auch er hält eine Abspaltung der Aufzug- und Roll-treppenbranche für eine sinnvolle Option. Bei einem Börsengang der Aufzugssparte hätte die neue Firma sogar eine Chance auf eine Aufnahme in den DAX. Analysten schätzen den Wert der Sparte auf bis zu 17 Milliarden Euro. Das sind zehn Milliarden Euro mehr als der Börsenwert des gesamten Thyssenkrupp-Konzerns. Es wäre somit ein Wiederaufstieg durch die Hintertür. Dass sich die Stahlbranche noch einmal so berappelt, dass eine Rückkehr in die Eliteliga der Börse gelingen könnte, glauben Experten nicht. „Die Zahl der Unternehmen, die nach einem Abstieg aus dem DAX wieder aufgestiegen sind, ist deutlich kleiner als der dauerhaft aus dem DAX verschwundenen Aktiengesellschaften“, sagt Börsenexperte Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt.     Peter Entinger


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Kommentare

Siegfried Hermann:
18.09.2019, 11:56 Uhr

Wenn man skrupellose und in diesem Fall heimatlose, auf maximalen Profit, getrimmte Heuschrecken an Bord hat, kann datt nix werden. Und auf den Raffgier-Banker-"Experten"-Analysten aus der Schweiz kann man getrost auch verzichten.
Nachdem man endlich einen Schlußstrich unter den Megaflop Brasilien gezogen hat, sollte man sich auf wesentliche konzentrieren:
Stahl kochen und nach Kundenwünschen das beste draus legieren. Das können sie in Duisburg, Essen und Dortmund. Und zwar so gut, dass Tata/Mital MRD. geben würden diese hightech-Technologie zu bekommen.
Also weg mit den Heuschrecken, raffgierenden "Experten" und unseriösen Partnerschaften, sowie Pensionsstreichungen für die, die dieses 8 Mrd. Grab zu verantworten haben, die hochrentabel wirtschaftende Aufzugssparte behalten, 5 MRD. Gratis-Merkel-Rettungsschirm dummdreist fordern
und Augen zu und ab durch die Mitte.

Glück Auf!


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