Der empfindsame Klassik-Titan

Ludwig van Beethoven war eine Art Rockstar seiner Zeit: schwierige Kindheit, rebellisches Künstlertum, provokantes Auftreten – dennoch wurde er von allen bejubelt. Gedanken zum Leben eines bis heute faszinierenden Nonkonformisten

16.01.20
Wollte als erster Musikschaffender überhaupt ein der Literatur und Philosophie ebenbürtiges Werk hinterlassen: Ludwig van Beethoven Foto: imago images/Ikon images

Von Christine Eichel

Über Sinn und Unsinn großer Gedenkjahre mag man streiten. Im Falle Ludwig van Beethovens bietet der 250. Geburtstag jedoch eine Chance: Jenseits gängiger Denkmalspflege kann man einen Neuerer und Nonkonformisten entdecken, der eine nie dagewesene Freiheit für sich reklamierte, als Künstler, als Mensch, als Zoon politikon. Beethoven war das erste Enfant terrible der Musikgeschichte, das Zugang zu höchsten Kreisen hatte. Ein Mann, der Freund und Feind düpierte, der die richtigen Leute kannte und die falschen Frauen liebte. Wohltemperiert war so gar nichts an diesem Komponisten. Vielmehr gleicht sein Leben mancher Rockstarexistenz heutiger Zeit: schwierige Kindheit, rebellisches Künstlertum, provokatives Auftreten – dennoch rissen sich alle um ihn. Sogar sein trauriges Ende ähnelt dem mancher Rockstars; ein körperliches Wrack und der Alkoholsucht tief erlegen, starb Beethoven mit gerade einmal sechsundfünfzig Jahren.
Allerdings muss man die Quellen schon sehr genau studieren, um den Menschen Beethoven von den Schlacken des Denkmals zu befreien. Kaum jemand spricht heute über seine derben Scherze, sein notorisches Querulantentum oder über die Schlitzohrigkeit, mit der er manche Werke gleich mehrfach verkaufte. Wer weiß schon, dass er selig verzweifelte Liebesbriefe im Werther-Tonfall verfasste, aber nicht multiplizieren konnte? Dass er sich mit dem Hinduismus und der Überwindung jeglicher Leidenschaften beschäftigte, seine Köchin jedoch mit faulen Eiern bewarf?
Außenseiter in der Welt der Höfe
Ein Außenseiter war er von Anfang an. Früh fiel sein unbeherrschtes Wesen auf; die soziale Tugend der Höflichkeit blieb ihm weitgehend fremd. Sein eruptives Temperament und seine bizarren Launen eigneten sich wenig für die Sphäre adeliger Salons. Dennoch fand er genau hier sein Karrieresprungbrett, als er 1792 nach Wien übersiedelte. Beethoven brillierte mit Improvisationen, die alles Dagewesene übertrafen. Großzügig sah man über seine ruppigen Umgangsformen, sein verwahrlostes Äußeres hinweg. Innerhalb kurzer Zeit spielte sich der begnadete Pianist aus der rheinischen Provinz in die erlauchtesten Adelspaläste der Donaumetropole hoch.
Schon als Halbwüchsiger, der vom cholerischen, alkoholkranken Vater gewaltsam zum Wunderkind dressiert werden sollte, hatte er seine Gabe der freien Improvisation entdeckt. Dieses „Fantasieren“ wurde für den misshandelten Jungen zunächst ein Ventil für unterdrückte Emotionen, später war es sein Ticket zum Erfolg, als Pianist wie auch als Komponist. Vieles, was Beethovens Zeitgenossen irritierte und was uns noch heute elektrisiert – überraschende harmonische Wendungen, abrupte Tempowechsel, starke Kontrastwirkungen – hat seine Wurzeln in der ästhetischen Offenheit der Fantasie.
Oft waren die damaligen Instrumente Beethovens Ansturm gar nicht gewachsen; mal rissen Klaviersaiten, mal blieben Tasten hängen. Vor allem aber wusste er sein Publikum zu überwältigen. Zahlreiche zeitgenössische Berichte schildern Tränen, ja, Ohnmachten. Anders als noch Mozart, der stets darauf bedacht war, gefällig zu bleiben, beendete Beethoven die Musik des Divertissements und machte sie zum kraftvollen Statement: Ich bin es, der aus dieser Musik spricht! Dafür brach er Regeln, falls nötig, und verwandelte Musik in ein hochemotionales, tief berührendes Ereignis.
Eine weitere Neuerung betraf seine gesellschaftliche Stellung. Zu Beethovens Zeit rangierte ein Kapellmeister bei Hofe lediglich auf der Hierarchiestufe des Küchenchefs. Auch Komponisten galten als bloße Handwerker und Dienstleister. Doch Beethoven trieb ein Sendungsbewusstsein. Als Anhänger der Aufklärung und der Französischen Revolution fühlte er sich berufen, die Menschen qua Musik vom Elend zu erlösen. Der hochgebildete und äußerst belesene Komponist setzte der gesellschaftlichen Elite seiner Zeit die Kategorie des Geistesadels entgegen. Dieser Anspruch kollidierte notwendigerweise mit der Tatsache, dass er lebenslang von adeligen Gönnern abhängig blieb. So kam es zu manchem Eklat.
Im Klinsch mit seinen Gönnern
Berühmt wurde Beethovens Ausruf: „Für solche Schweine spiele ich nicht!“, als ein junger Adeliger während seiner musikalischen Darbietung geplaudert hatte, statt stumm zu lauschen. Einen veritablen Skandal beschwor Beethoven dann herauf, als er sich mit seinem wichtigsten Mäzen, dem Fürsten Lichnowsky anlegte. Nach einem Dinner verlangte der Fürst ein Ständchen für seine Gäste, Beethoven weigerte sich demonstrativ. Daraufhin ließ der Fürst die Fäuste sprechen. Eine Verfolgungsjagd durchs Schloss begann, an deren Ende Beethoven einen Stuhl hochriss, um ihn auf dem fürstlichen Schädel zu zertrümmern. Nur durch das beherzte Eingreifen eines befreundeten Grafen wurde das Schlimmste verhindert. Reue? Keine Spur. Anschließend ließ Beethoven seinen Gönner schriftlich wissen: „Fürst! Was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt. Fürsten wird es noch Tausende geben, aber einen Beethoven gibt es nur einmal!“
Sein Schaffen steht im Zeichen solcher Zerreißproben. Sowohl das Titanische als auch das Empfindsame spielen dabei ihre widerstreitend zusammengehörigen Rollen. So wie er das Ende des Feudalismus herbeisehnte, in Notzeiten jedoch immer wieder Bittbriefe und Ergebenheitsadressen an seine adeligen Mäzene richten musste, war er auch innerlich zerrissen. Auf der einen Seite Selbstzweifel, familiäre Querelen, scheiternde Beziehungen, körperliche und seelische Labilität. Auf der anderen Seite hohe Selbstansprüche, Kampfgeist, Eigensinn und die Überzeugung, ein Erwählter, ein Berufener zu sein.
Die Konflikte Beethovens rühren nicht allein aus persönlichen Dilemmata her. In politischen und gesellschaftlichen Umbruchzeiten sind Künstler Seismographen, die Widersprüche in besonderer Intensität erleben und verarbeiten, auch was die Selbstverortung betrifft. Er betrachtete sich bereits als Citoyen, nicht mehr als Untertan. Ungerührt vom Spitzelwesen der Metternich-Ära äußerte er offene Kritik am Kaisertum. Diese Einlassungen führten unter anderem dazu, dass man ihm eine staatliche Leibrente verweigerte, für die sich sein Konkurrent Rossini bei Metternich persönlich eingesetzt hatte.  
Musik als göttliches Ereignis
Beethoven nahm es achselzuckend zur Kenntnis, sah er sich doch als Deus ex musica. Kunst und Wissenschaft, so seine Überzeugung, erhöhten den Menschen „bis zur Gottheit.“ Diese von der Genieästhetik beeinflusste Vorstellung des Schöpferischen lud auch die Musik mit neuer Bedeutung auf. Für Beethoven war sie keine akustische Möblierung mehr, keine Gebrauchsmusik, geschrieben fürs höfische Plaisir, um danach dem Vergessen anheim gegeben zu werden. Er operierte mit ganz anderen Kategorien: Idee, Gedanke, Gehalt. Deshalb wollte er auch nicht mehr „Ton-Setzer“ genannt werden, ein Synonym für solides kompositorisches Handwerk, sondern bildete den Neologismus „Ton-Künstler“. Ihn befeuerte der Anspruch, als erster Musikschaffender überhaupt ein der Literatur und Philosophie ebenbürtiges Werk zu hinterlassen.
Ob auch alle seine Musik goutierten, kümmerte ihn daher kaum. Die Debatten, die er auslöste, nahmen eine Frage vorweg, die wir eher aus der Moderne kennen: Ist das noch Musik? Schaudernd wandte sich Berlioz von der Eroica ab, die er „haarsträubend“ nannte, einen „furchtbaren Krach.“ Heine sprach von einer „Vernichtung der Natur“. Und als der junge Mendelssohn-Bartholdy dem Geheimen Rat von Goethe eine Klavierfassung der Fünften Symphonie vorspielte, entfuhr dem Dichter der halb begeisterte, halb erschrockene Ausruf: „Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein!"
Andauernde Faszination
Gerade das Unangepasste Beethovens, seine radikale Subjektivität und seine Kompromisslosigkeit, faszinieren bis heute. Zwar würde sich kaum noch jemand weinend zu Boden werfen, wie 1845 anlässlich des großen Beethovenfestes, das Robert Schumann und Franz Liszt organisierten. Doch jenseits kultischer Verehrung lohnt es, seine Musik wieder neu zu hören. Als berührendes, zuweilen erschütterndes Ereignis, als reflektierten, oft hart erkämpften Wohlklang; als kühn kalkulierte Dissonanz, Befreiungsschlag, politisches Statement, nicht zuletzt als Zeugnis eines umwerfenden Sinns für Humor.

Dr. Christine Eichel war von 2004 an Leiterin des Ressorts „Salon“ beim Magazin „Cicero“ und von Mai 2010 bis September 2011 Leiterin des Kulturressorts des „Focus“.
https://christine-eichel.de/


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