Die kleine Postkarte hatte zwei Väter

Schon die alte Correspondenzkarte durchlöcherte den Datenschutz

04.02.19
Von Emanuel Herrmann entwickelt: Correspondenzkarte mit eingedrucktem Postwertzeichen Bild: österreichisch-ungarische Post

Der Artikel vom 26. Januar 1869 in der „Neuen Freien Presse“ trug den sperrigen Titel: „Über eine neue Art der Correspondenz mittels der Post“. Autor war der einflussreiche österreichische Nationalökonom Emanuel Herrmann. Der Abdruck gilt als Geburtsstunde der Postkarte. Sie ist der Vorläufer aller Kurznachrichten wie Whatsapp oder Twitter.

Herrmann war nicht der erste, der sich für die Einführung einer Postkarte einsetzte, aber er machte die Idee mit seinem Artikel publik. Der Brief mit einem Porto von fünf Kreuzern erschien ihm zu teuer für den Großteil der Bevölkerung. Er schlug eine Karte aus Karton vor, die sich auf der Rückseite beschreiben ließ. Die Nachricht sollte nicht mehr als 20 Wörter enthalten. Entsprechend geringer sollte das Porto sein. Der Ökonom erwartete nicht nur eine Vereinfachung des Postverkehrs, sondern auch Mehreinnahmen für den Staat.
Ganz ähnlich hatte der preußische Geheime Postrat Heinrich Stephan schon vier Jahre vorher argumentiert. Er schlug bei der Konferenz des Deutschen Postvereins 1865 in Karlsruhe ein „Postblatt“ vor, eine ohne Umschlag zu verschickende Karte für eine einfache Kommunikation. Das Porto sollte einen Silbergroschen betragen, das gleiche wie für einen Standardbrief. Briefe zu verschicken war eine kostspielige Angelegenheit. Das Porto errechnete sich aus der Entfernung, über welche die Nachricht zu Fuß, per Reiter und mit der Postkutsche transportiert werden musste, und nach dem Gewicht. Die Beförderungskosten waren ein äußerst kompliziertes System. Zwei Meilen kosteten einen Silbergroschen, zehn bis 15 Meilen drei Silbergroschen, und für die maximale Entfernung in Preußen waren 19 Silbergroschen zuzüglich der halbierten und geviertelten Gebühren für das Gewicht zu entrichten.
Der Postverein lehnte Stephans Vorschlag ab. Gründe waren der Datenschutz – jeder konnte den Text auf der Karte lesen – und ein zu befürchtendes Loch in der Portokasse des Staates. Stephans „Denkschrift“ verschwand in der Schublade. Die Delegierten des Postvereins irrten. Als die österreichisch-ungarische Postverwaltung am 1. Oktober 1869 die „Correspondenzkarte“ einführte, verkaufte sie sich gleich im ersten Monat 1,4 Millionen Mal. Sie kostete zwei Kreuzer und trug den Wert eingedruckt. Zunächst galten die Postkarten als unsittlich, aber dann brach wie bei der Einführung der digitalen Messengerdienste eine Lust am Kommunizieren aus.
Die Preußische Post zog ein Jahr später nach. Am 6. Juni 1870 unterschrieb der Kanzler des Norddeutschen Bundes, Otto von Bismarck, die „Verordnung btr. der Einführung der Correspondenzkarte“. In großen Städten wurde die Post mehrmals am Tag ausgetragen, in Berlin, Wien und Budapest kam der Bote bis zu achtmal am Tag. Es wurde Mode, sich morgens für den Abend zu verabreden, Verliebte sandten sich verschlüsselte Grüße, und Firmen nutzten sie zur Werbung oder Mitteilungen an ihre Kunden. „Hiermit beehren wir uns ergebenst anzuzeigen, dass wir am 1. März d. J. unser Comptoir, Lager und Fabrik nach der neuen Königs-Straße 84 verlegen. Wir bitten Sie von dieser Veränderung Notiz zu nehmen und uns auch mit ihren schätzbaren Aufträgen in das neue Local zu folgen. Hochachtungsvoll Steidel & Sommer.“
Unmut gab es nur im Postverein. Österreich und Preußen stritten sich, wer der Vater der Postkarte sei, Herrmann oder Stephan, der inzwischen zum Generalpostdirektor des Norddeutschen Bundes avanciert war. Postkarten konnten zunächst nur im Inland versandt werden. Das änderte sich, als auf Stephans Initiative am 9. Oktober 1874 in Bern der Weltpostverein zur Regelung des internationalen Postverkehrs von 22 Staaten gegründet wurde. Er gehört zu den ältesten internationalen Organisationen. Mitglieder sind heute alle in den Vereinten Nationen vertretenen Länder. Direktor der von einem Preußen gegründeten Vereinigung ist heute der Kenianer Bishar Abdira Hussein.
Aber zurück zur „Correspondenzkarte“, die bald in Postkarte umbenannt wurde. Einen Boom erlebte sie während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71. Für die Soldaten war das Versenden kostenfrei. Bis Ende 1870 wurden zehn Millionen Feldpostcorrespondenzkarten nach Hause geschickt. Eine der wenigen erhaltenen Exemplare ist die Badische Correspondenzkarte, aufgegeben beim Preußischen Feldpostrelais Nr. III, Soultz sous Forets 1870.
Ende des 19. Jahrhunderts kamen die ersten Ansichtskarten auf den Markt. Immer mehr Menschen gingen auf Urlaubsreise, ein Privileg, das bis dahin Adligen und reichen Bürgern zustand. An die Daheimgeblieben schick­ten sie Karten mit dem Motiv ihres Ferienorts. Bad Pyrmont, der Bayerische Wald, das Erzgebirge und Sylt prangten entsprechend der Beliebtheit auf besonders vielen Ansichtskarten. Bei den Städten lagen und liegen Berlin, Hamburg und Heidelberg auf den vordersten Plätzen. Zentrum der Kartenproduktion war Deutschland. 1899 wurden 88 Millionen Karten mit einer bunten Palette von Motiven gedruckt. Vom Panzer über Zeppelin und Eisenbahn bis zu Blumenarrangements im Jugendstil gab es nichts, was sich nicht auf den Karten abbilden ließ. 20000 Tonnen Indianermotive gingen in die USA. Sie wurden in Reservaten des „roten Mannes“ an Touristen und bei Wild-West-Schauen verkauft. Als Alternative zur profanen Blumenkarte machte die Wiener Werkstätte Künstlerkarten populär. Bekannte Maler wie Oscar Kokoschka, Egon Schiele und Mela Köhler gestalteten sie. Die Karten für den Feingeist wurden in kleinen Auflagen bis maximal 1000 Stück gedruckt. Das Motiv „Crampus mit Kind“ des Malers Willibald Lassenberger erzielte bei einer Auktion 2003 den Rekordpreis von 11000 Euro.
Mit der Verbreitung des Telefons nahm die Nutzung von Postkarten kontinuierlich ab. Die Ansichtskarte konnte sich trotz der Konkurrenz von elektronischen Grüßen behaupten. Handgeschriebenes hat für viele immer noch einen höheren Stellenwert als ein Tweet, ein Chat oder eine E-Mail.    Klaus J. Groth


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