Freundschaft mit Hindernissen

Seidenstraße im Blick – China und Kasachstan suchen Gemeinsamkeiten trotz ethnischer Spannungen

07.10.19
Demonstrierten Harmonie bei ihrem Treffen in Peking: Chinas Staatschef Xi Jinping (l.) und sein kasachischer Amtskollege Kassym-Schomart Tokajew Bild: pa

Der erst im Juni 2019 gewählte kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew hat vor Kurzem Peking besucht. Damit kehrte er zurück an den Ort, an dem er 1983/84 Hochchinesisch gelernt und von 1985 bis 1990 an der sowjetischen Botschaft gearbeitet hatte.

Tokajew und Chinas Präsident Xi Jinping möchten eine strategisch und historisch einzigartige Partnerschaft festigen, deren Grundlagen Nursultan Nasarbajew, der postsowjetische Gründungsvater des modernen Kasachstans und Vorgänger Tokajews, in seiner fast 30-jährigen Herrschaft legte. Nazarbajews Bedeutung erkennt man daran, dass noch vor seinem Ableben die Hauptstadt Astana ihm zu Ehren umbenannt wurde.
Genau dort verkündete Xi im September 2013 das globale Projekt einer Neuen Seidenstraße (BRI), das sich mit dem im November 2014 verkündeten Nurly-Zhol-Plan zur Stimulierung der kasachischen Wirtschaft durch die Modernisierung des Erziehungs-, Nachrichten- und Transportwesens und der Dienstleistungen ergänzt. Im Herzen Eurasiens gelegen, hat das neuntgrößte Land der Welt keinen Zugang zum Meer, teilt sich jedoch entlang einer 1782,75 Kilometer langen gemeinsamen Grenze mit China 24 Flüsse. über deren Nutzung seit 2010 gemischte Kommissionen beraten. Mit 18,3 Millionen liegt die Gesamteinwohnerzahl allerdings unter der Pekings. Durch das Absacken der Ölpreise betrug das Wirtschaftswachstum 2015 und 2016 lediglich ein Prozent. Dank der zwischen 2016 und 2018 um 6,6 Prozent gestiegenen chinesischen Direktinvestitionen waren es 2017 beachtliche 3,3 Prozent und das bilaterale Handelsvolumen erreichte 11,07 Milliarden
US-Dollar: 16 Prozent aller Importe stammten aus China und zwölf Prozent aller Exporte gingen dorthin. 1995 waren es noch ein beziehungsweise 5,5 Prozent.
Die Volksrepublik ist somit nach Russland zu Kasachstans zweitwichtigstem Markt avanciert. So kauften die Chinesen 2005 für 4,18 Milliarden US-Dollar die ehemals größte sowjetische Ölgesellschaft und investierten danach weitere 700 Millionen US-Dollar in eine Pipeline. Bereits im April 2016 kontrollierte man so bis zu 30 Prozent der gesamten kasachischen Ölförderung. Dank neuer internationaler Transportkorridore, unter anderem bis zum Kaspischen Meer, benötigt Fracht aus den südöstlichen Provinzen Chinas per Zug nur noch 15 Tage nach Europa – dreimal weniger Zeit als per Schiff. Zu den Rückschlägen zählte vergangenes Jahr die Einstellung der Finanzierung der Metro im Regierungssitz Nursultans durch die Chinesische Entwick-lungsbank wegen Zweckentfremdung eines Großteils der bereits gezahlten Summe. Das fast zwei Milliarden US-Dollar teure Projekt soll nun mit eigenen Mitteln phasenweise zu Ende geführt werden.
Heutzutage besuchen mehr als 14000 kasachische Studenten chinesische Universitäten, die gezielt um weitere werben. Gleichzeitig gibt es in Kasachstan sechs Konfuzius-Institute. Aber es besteht durchaus die Furcht vor einer „Invasion” chinesischer Immigranten, die Einheimischen Arbeitsplätze wegnehmen oder sogar Gebietsansprüche stellen könnten.
Als die Behörden es 2016 versäumten, bei einer später verworfenen Landreform von Anfang an deutlich zu machen, dass Ausländer kein Land in Kasachstan besitzen dürfen, kam es zu heftigen Protesten. Durch das Grenzabkommen mit China 1995 waren nämlich lediglich 43 Prozent der umstrittenen Landfläche bei Kasachstan verblieben. Nur etwas über drei Prozent der Kasachen heißen Investitionen aus China gut und fast die Hälfte der Bevölkerung hat ein negatives Bild von der BRI. Auch die Internierungslager in der überwiegend von Moslems bewohnten ostchinesischen Provinz Xinjiang, in denen einige der ethnischen zirka 1,5 Millionen Kasachen mit chinesischem Pass inhaftiert sein sollen, sind im zu 70 Prozent muslimischen Kasachstan zu einem heiklen innenpolitischen Thema geworden. Doch die dagegen protestierende kasachische Chinesin Sairagul Sauytbay musste mittlerweile Asyl in Schweden beantragen, nachdem man es ihr im Oktober 2018 in Kasachstan mit Rücksicht auf China verweigert hatte. Der im Rahmen eines „Rück-kehrerprogrammes“ eingebürgerte Kasache Serikschan Bilasch, der im Frühjahr 2017 die Organisation „Freiwillige des Vaterlandes“ gegründet und zum „Dschihad” gegen Chinesen aufgerufen hatte, gab kürzlich erst nach Androhung von sieben Jahren Haft auf.
Trotz der markanten Worte der Führungsriegen ist eine echte Freundschaft zwischen beiden Völkern aufgrund der ethnischen Spannungen daher unwahrscheinlich. Als Erbe des Zarentums und der Sowjetunion bleibt Kasachstan Teil der russischsprachigen Sphäre und die Annäherung an das Reich der Mitte eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
    Markus Matthes


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Kommentare

Siegfried Hermann:
7.10.2019, 13:31 Uhr

Erstklassige Analyse und Fazit!

Ich fass das jetzt mal in Klartext zusammen:
Der Islam, egal wie er bejubelt wird, eckt bei JEDEN Andersgläubigen, selbst bei Atheisten wie die hardcore-Maoisten, ÜBERALL an. Der Kultur- und ideologische "Religion"s-Krieg ist und wird unvermeidlich sein.
China braucht Zentralasien als Landbrücke zu den Devisen/-Absatzmärkten in Europa, um so die US-Vorherrschaft auf See zu umgehen. Verhandelt wird selbst mit dem Teufel, wenn denn ein Vorteil drin ist.
Kasachstan Exportwirtschaft besteht praktisch nur aus Öl und Gas. Juten, Baumwolle und Ziegenhäute gibt´s woanders billiger. Das in den unendlichen Weiten der Steppe sonst noch wertvolle Bodenschätze in größeren Mengen schlummern, ist eher unwahrscheinlich, weil russische Prospektoren schon zu Zarenzeiten jeden Stein umgedreht haben, der Gold und Silber versteckt haben könnten. Stalin hat dann noch mal gründlicher suchen lassen.

Seit den Tod Maos, wird in China praktisch eine Außenpolitik wie im alten Griechenland der Polis-republiken konsequent angewendet. War eine Stadt überfüllt und konnte kein Krieg gegen den Nachbarn geführt werden, wurden die "überfüllige" Bevölkerung mit Schiffen, Proviant und Waffen versorgt und MUSSTEN ihre neue Heimat in der (unbekannten) Ferne suchen und durften bei Todesstrafe nicht wieder zurück siedeln. Das hatte für die Polis wertvolle wirtschaftliche, als auch strategische Vorteile. Wurden doch neue Militär- und Handelsstützpunkte gegründet, der Reichtum und die Macht
gemehrt, bei praktisch NULL Kosten und Risiko für die Alt-Bevölkerung.
Was interessiert es schon einen chinesischen kommunistischen Machthaber, wenn 10.000, 100.000, gar eine Mio. Chinesen ihr Land verlassen!?!? Das ist praktisch die 5. Schläfer-Kolonne, die vor erst nix kostet und aber auf Dauer und längeren Zeiträumen viel Einfluss nimmt!
Während das superteure US-Marine-Chor mit ihren Navy-seals in Hochglanz-Hollywood-Manier viel krachbuff machen, oder der Islam meint mit "Flüchtlings"-Massen-Geburten-Tsunami-Invasion, horrender Kriminalität und Terror fremde Länder zu übernehmen, läuft es bei den Chinesen alles im Stillen ab und ist dabei deutlich billiger und effektiver.
Die Russen sind ja nicht doof, argwöhnisch gegenüber den Chinesen sowieso und werden so lange still halten bis sie meinen "den Laden" russisch-rustikal auf Vordermann bringen zu müssen.
Ergo:
Eine +richtige+ deutsche Außenpolitik und Export-Wirtschaft wäre sehr gut beraten im Streit von zweien, gar dreien (US) sich tunlichst da rauszuhalten, keine Parteinahme zu Gunsten einer Seite und einzig in einen zu sein, den Islam in seine arabischen Grenzen zu verweisen.

Glück Auf!


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