Griff nach der Macht

Parteitag der Grünen: Wenn Gesinnung über Wirklichkeit siegt

20.11.19
Gewappnet für die Führung: Stolze Zustimmungswerte für das Grünen-Spitzenduo Habeck und Baerbock Bild: imago images/Rüdiger Wölk

Nachdem die Schaltstellen der Gesellschaft bereits durch und durch vergrünt sind, geht es jetzt um die formelle Macht im Bund.

In der Abenddämmerung der Ära Merkel haben die Grünen mit ihrem Bundesparteitag demonstriert, dass der Morgen nach der „ewigen Kanzlerin“ ihnen gehören soll. Gegen Querschüsse aus der Basis, die den radikalen Kern der Partei allzu deutlich durchscheinen ließen, konnte sich die Führung fast vollständig durchsetzen. Die Führungsfiguren Annalena Baerbock und Robert Habeck errangen stolze Zustimmungswerte, die Stimmung war blendend.
Überschwängliche Medien, schon lange grün dominiert, jubeln der Partei zu. In Kirchen, Gewerkschaften und Universitäten, in Verbänden und den mächtigen Nichtregierungsorganisationen (NGO) ist die grüne Linie längst Mainstream. Selbst in der Wirtschaft lobhudelt so mancher der Partei hinterher. Nun, so die Botschaft des Parteitags, geht es um die letzte Hürde, um die Erringung der formellen Macht im Bund.
Gleichzeitig jedoch haben die vorwärts stürmenden Parteitags-Regisseure und -Delegierten noch etwas anderes offengelegt: Ihre Unfähigkeit, ein Land zu regieren, und ihre Unwilligkeit, den Grund dafür zu erkennen.
Die inneren Widersprüche der grünen Programmatik allein schon  in der Sozial- sowie der Einwanderungs- und Asylpolitik springen ins Auge. Einerseits soll der Staat (also der deutsche Steuerzahler) jedem im Lande ein Grundgehalt zahlen, damit niemand mehr gezwungen sei, Arbeit zu suchen oder anzunehmen. Andererseits stehen die Grünen weiterhin für maximal offene Grenzen. Angesichts des Wohlstandsgefälles auf dem Planeten wäre der Zusammenbruch eines solchen Programms unabwendbar. Der Lockstoff eines solchen bedingungslosen Grundeinkommens bei offenen Grenzen würde Abermillionen von Menschen aus den Armutsregionen der Welt in Marsch setzen.
Hierin kristallisiert sich der mentale Kerndefekt der Grünen und Ihresgleichen: Sie setzen Gesinnung vor Verantwortung. Das gute Gefühl, Vertreter einer vermeintlich höheren Moral zu sein, ist ihnen wichtiger als das Schicksal der Menschen, welche die Folgen tragen sollen. Diese Haltung prägt auch die Wirtschafts- und Energiepolitik, ja, sie durchzieht das gesamte grüne Weltbild.
Grundlage dafür, dass sich diese Haltung so weit ausbreiten konnte, ist die historisch beispiellose Stabilität, in welcher die Träger der grünen Ideologie in Deutschland aufgewachsen sind. Sie halten die Grundlagen von Staat und Wohlstand, welche in Jahrhunderten mühsam aufgebaut wurden, für selbstverständliche Konstanten, nicht für stets gefährdete Errungenschaften, die es ständig neu zu festigen gilt.
Kluge Köpfe, die den Zug unserer Zeit mit der gebotenen Skepsis begleiten, haben das grüne Phänomen auf den Begriff gebracht. Sie nennen es Wohlstandsverwahrlosung.      Hans Heckel


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Kommentare

Volker Derouaux:
9.12.2019, 23:39 Uhr

Auch wenn ich aufgrund anderer Informationen und einer anderen Verarbeitung dieser das eine oder andere etwas anders sehe als Sie so ist der Kern oder der Sachverhalt und den Schluss den man daraus ziehen kann oft der gleiche!
An dieser Stelle vielen Dank für ihre Arbeit!


Arnold Schacht:
21.11.2019, 13:54 Uhr

"Einerseits soll der Staat (also der deutsche Steuerzahler) jedem im Lande ein Grundgehalt zahlen, damit niemand mehr gezwungen sei, Arbeit zu suchen oder anzunehmen. Andererseits stehen die Grünen weiterhin für maximal offene Grenzen. Angesichts des Wohlstandsgefälles auf dem Planeten wäre der Zusammenbruch eines solchen Programms unabwendbar. Der Lockstoff eines solchen bedingungslosen Grundeinkommens bei offenen Grenzen würde Abermillionen von Menschen aus den Armutsregionen der Welt in Marsch setzen."

Diese Aussage ist selbstverständlich inhaltlich richtig, doch angesichts der Punkte, die Herr Reber schon angesprochen hat (Kobolde, Pendlerpauschale) muss man sich fragen, ob das Führungsduo und ihre Wähler in der Lage sind, das zu begreifen. Vielleicht sind die einfach wirklich dumm. Wenn man allerdings mit solchen Aussagen um die 20% erringen kann, muss man wirklich Sorge um die Zukunft haben. Noch eine Anmerkung, die auch zu Ihrer Satire passt: Schon die Griechen in der Antike wussten, dass die Demokratie immer in der Gefahr besteht, in eine Ochlokratie zu kippen - auch ein Grund, warum die Verfassungsväter der USA das Wort "Demokratie" nicht benutzt haben. Noch vor dem 1. Weltkrieg war man sich dieser Gefahr bewusst. Heute scheint das verloren gegangen zu sein.

Das Volk kann tatsächlich auch korrumpiert werden: Durch Sozialleistungen - durch das bedingungslose Grundeinkommen erst recht. Wenn der Anteil der Empfänger (engl. "Takers") zu groß wird gegenüber denjenigen, die den Wohlstand erarbeiten (engl. "Makers"), ist es soweit. Das betrifft natürlich nicht nur die jetzt Jugendlichen, sondern schon deren Eltern, teilweise Großeltern. Es wird allerdings mit jeder Generation schlimmer, wenn nicht gegen gesteuert wird.

Noch einen Abschlusssatz zu etwas anderem: Wenn Herr Habeck nicht heucheln will, kann er nicht Bundeskanzler werden - nicht mal Minister. Er müsste nämlich auf das deutsche Volk schwören, von dem er sagt, dass es das nicht gäbe.


Erna Koritz:
20.11.2019, 17:50 Uhr

Als gelernter Ostdeutscher bin ich entsetzt. Warum die Menschen aus aller Welt einladen? Die Angleichung der Lebensverhältnisse der Ostdeutschen und Russland - und and. Deutschen hat schon eine Menge gekostet. Mich nervt außerdem der Kampf gegen das Klima. Im Umweltschutz gäbe es eine Menge zu tun für saubere Luft, sauberes Wasser und gegen die Bodenversiegelung. Aber gesetzt wird auf Klimapanik und
CO-2-Steuer! Der Staat braucht das Geld für die Flüchtilanten. E.K.


Claus Reber:
20.11.2019, 14:52 Uhr

Da haben sich ja die Grünen mit Annalena Baerbock und Robert Habeck bei zwei kompetente Führungskräfte an die Spitze gewählt. Die eine wurde bekannt durch ihren enormen Sachverstand in der Energiepolitik. So will sie Überproduktionen beim Strom im Netz speichern und verkündet freudig, das die Chinesen demnächst Batterien ohne "Kobolde" bauen. Herr Habeck der mit Deutschland nach eigenen Angaben nichts anzufangen weiß und im Interview nicht mal weiß wie die Pendlerpauschale funktioniert. Da haben wir ja noch einiges von der Partei zu erwarten.


sitra achra:
20.11.2019, 13:45 Uhr

Herr Heckel, Sie bringen es auf den Punkt!
Jedoch die Wohlstandsverwahrlosung hat nicht bei den Gören, sondern bereits bei deren Eltern eingesetzt.


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