Irakische Schiiten begehren auf

Demonstrationen nach Absetzung des beliebten Anti-Terror-Generals – Iran unter Verdacht

21.10.19
Auf dem Tahrir-Platz in Bagdad: Während einer Demonstration gegen Korruption halten Demonstranten Bilder des als Helden verehrten und nun abgesetzten stellvertretenden Kommandanten Abdel-Wahab-al-Saadi hoch Bild: pa

Nachdem die sunnitische IS-Terrorherrschaft im Irak durch die schiitische Armee des Landes abgeschüttelt wurde, brodelt es jetzt unter den siegreichen Schiiten, nachdem der beliebte Armeekommandeur Saadi, der den Sieg über den IS errungen hatte, von Ministerpräsident Mahdi seines Amtes enthoben wurde.

Die Entlassung des hochrangigen und beliebten Armeegenerals Saadi sorgt im Irak für Aufruhr. Über 100 Menschen sind bei Protesten in den schiitischen Provinzen des Landes bereits erschossen worden. Die Proteste richten sich nicht nur gegen die Regierung in Bagdad, sondern auch erstmals gegen Teheran. Die Demonstranten geloben General Saadi, dass sie ihn verteidigen werden, wie er sie vor dem „Islamischen Staat“ verteidigt hat. Die Demonstranten glauben, dass die Mullahs in Teheran hinter der Entlassung des Volkshelden stehen, weil dieser Kontakte in die USA pflegte und dem Iran zu mächtig zu werden schien.
Mit scharfer Munition hatten Polizisten auf Demonstranten geschossen, um die Kontrolle in Bagdad und in einigen schiitischen Provinzstädten wieder herzustellen. Die Protestwelle hatte sich rasend schnell in den Südirak ausgebreitet und elf Provinzen erfasst. Demonstrationen fanden auch in den schiitischen heiligen Städten Najaf und Kerbala statt, die vor der Arba’in-Wallfahrt stehen, die jährlich bis zu drei Millionen Pilger in diese Städte bringt, viele davon aus dem Iran. Die meisten iranisch-irakischen Grenzübergänge wurden deshalb vorsorglich gesperrt. Die stark antiiranisch geprägten Proteste konzentrierten sich auf den schiitischen Süden des Irak. Fahnen der Islamischen Republik wurden verbrannt. Immer mehr schiitische Iraker sind des iranischen Großmachtstrebens, für das sie die Zeche bezahlen müssen, überdrüssig geworden.
Da die schiitischen Iraker die derzeitige irakische Regierung für eine Marionette des Iran halten, verlangen die Demonstranten den Rücktritt der Regierung Mahdi, der sie Korruption, Unfähigkeit und Einknicken gegenüber Teheran vorwerfen. Premierminister Adel Abdel Mahdi, seit etwa einem Jahr im Amt, will zwischen Demonstranten mit „legitimen Anliegen“ und aggressiven Elementen unterscheiden. Er hat die Einführung eines Mindestlohns angeordnet, um den Demonstranten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber seitdem viele Protestler durch Schüsse getötet wurden, haben sich die Fronten verhärtet. Jetzt hat auch Muqtada al Sadr, der bislang die Regierung mit seiner Partei stützte, Neuwahlen gefordert.
Auslöser der Proteste war die überraschende Entbindung von General Abdel-Wahab al-Saadi von seinem Amt als Vizechef der irakischen Antiterroreinheiten, die die Hauptlast im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) getragen hatten. Saadi (56) hatte sich dabei besonders profiliert, er wurde mehrmals verwundet und zum Nationalhelden im Irak. In Mossul wurde Saadi bereits ein Denkmal errichtet. Als erster Schiit ist er sogar in den sunnitischen Gebieten, aus denen der IS vertrieben wurde, sehr beliebt. Ganz anders dagegen die von den sunnitischen Zivilisten gefürchteten und gehassten schiitischen Milizen der sogenannten Volksmobilisierungseinheiten, die vom Iran gelenkt werden. General Saadi wurde zu einer Symbolfigur des neuen irakischen Nationalismus, der den seit dem Sturz Saddam Husseins dominierenden schiitischen Konfessionalismus ablösen könnte, wenn der Irak als Gesamtstaat die 30-jährige Dauerkrise überleben sollte.
Die Anhänger Saadis meinen, er sei von seinem Posten entfernt worden, damit er dem Einfluss der schiitischen Milizen in der Armee nicht länger im Weg stehe. Der General wehrte sich selbst gegen seine Versetzung, die er als „Degradierung“ bezeichnet. Saadi hatte sich nicht nur als Kämpfer gegen den IS einen Namen gemacht, sondern sich auch als Antikorruptionskämpfer in der Armee mit vielen angelegt.
Da Saadi auch gute Beziehungen zur US-Botschaft pflegt – die USA haben ja de facto die irakischen Antiterroreinheiten aufgebaut –, behauptet der Iran nun, dass die USA die schiitischen Proteste angezettelt hätten. Die Demonstranten hatten erwartet, dass sich Saadi an die Spitze der Proteste stellen würde. Aber noch zögert er. Einige fordern sogar, dass er die Regierung übernehmen solle. Von dem von einer Schiitenallianz mit iranischer Unterstützung zum Premier gewählten al Mahdi sind die meisten Schiiten bereits nach einem knappen Jahr mehr als enttäuscht.
Die derzeitigen Proteste im Irak sind ein Beweis dafür, dass die antiiranischen Ressentiments auch unter der schiitischen Bevölkerung des Irak weitverbreitet sind. Dass sich bisher die Sunniten dem Aufstand noch nicht angeschlossen haben, mag daran liegen, dass der vor zwei Jahren beendete Krieg mit dem IS im Sunnitengebiet noch nicht lange genug zurück-liegt. Die Sunniten scheuen sich nach ihren schlimmen Erfahrungen mit dem IS davor, sich wieder in einem Konflikt öffentlich zu positionieren. Viele Schiiten verurteilen die Sunniten bis heute pauschal als Anhänger des IS.
In der Tat bestand die gesamte militärische Führung des IS aus ehemaligen sunnitischen Generälen Saddam Husseins. In der irakischen Armee gibt es heute keine sunnitischen Generäle mehr. Viele Iraker fürchten, dass ihr Land angesichts der steigenden Kriegsgefahr am Golf zum Kriegsschauplatz eines Stellvertreterkrieges zwischen dem Iran und Saudi Arabien werden könnte. Viele Iraker haben nach 30 Jahren Krieg im eigenen Land das Kriegstreiben des Iran durchschaut und wollen nicht zum Schlachtfeld der Iraner werden. Damit hatte der iranische Botschafter in Bagdad, Iraj Masjedi, vor Kurzem in einem TV-Interview öffentlich gedroht.     Bodo Bost


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Kommentare

Siegfried Hermann:
21.10.2019, 11:05 Uhr

Das wird auch künftig so bleiben.

Das Kardinalproblem haben mal wieder die Briten mit ihrer Teile-und-Herrsche-Politik betrieben, als sie im Rahmen des WK-I, das Osmanische Reich zerschlagen und den Irak am Reißbrett entworfen haben, das bar jeder Realität und gegen jedes Interesse der dort lebenden Völker knallhart durchgezogen wurde.
Neudeutsch:
Da wurde zusammen gesperrt, was NICHT zusammen gehören will.
Im Norden Kurden, Aramäer, in der Mitte (As)Syrer, im Süden Araber, im Osten perserstämmige Clans und einige Minderheiten überall.
Wer da ein Ausgleich wie im Westfälischen Frieden erwartet, der glaubt auch das Zitronenfalter Zitronen falten.
Die Lösung wäre
gemäß der Bevölkerung das Land aufzulösen und eigenständige
Staatsgebilde, oder Anschlüsse an die Nachbarn zu fördern und zu gründen.
Ok. Das ist europäisches Stein´sches Wunschdenken.


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