Jenseits von Ibsen

Norwegen, Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, stellt sich mit einem umfangreichen Kulturprogramm vor

18.10.19
Norwegische Webkunst: Ein über vier Meter langer Bildteppich von 1942/43 von Hannah Ryggen Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2019/ Ute Freia Beer/Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum, Trondheim

Ibsen und Hamsun halten die Norweger zwar in allen Ehren. Doch das Gastland der am 16. Ok­tober beginnenden Frankfurter Buchmesse will diesmal die zeitgenössischen Stars der nordischen Literaturszene wie Karl Ove Knausgård in den Fokus rücken. Diesem Zweck dient auch ein Kulturprogramm, das bildende Kunst, Bühnenkunst, Musik, Film und Architektur umfasst.

Die kulturelle Werbeoffensive Norwegens findet zumeist außerhalb der Messehallen statt. So wird das Frankfurter Museum Angewandte Kunst von diesem Wochenende an zum „House of Norway“. Bis zum 26. Januar zeigt es auf seiner gesamten Ausstellungsfläche exquisite Stichproben aus Norwegens Kunst und Kultur, Design, Handwerk und Architektur. Einen Höhepunkt bilden dabei noch nie gezeigte Zeichnungen von Edvard Munch (Schaumainkai 17, Internet: www. museumangewandtekunst.de).
Ein seltenes Handwerk be­herrschte Hannah Ryggen (1894–1970). Sie webte monumentale Bildteppiche, die noch bis zum 12. Januar in der Schirn Kunsthalle am Römerberg zu sehen sind. Diese aufsehenerregende Einzelausstellung präsentiert erstmals in Deutschland einen umfassenden Einblick in das spektakuläre, politisch inspirierte Werk der norwegisch-schwedischen Weberin (www.schirn.de).
Beim NORSK-Festival im Frankfurter Mousonturm stellen sich vom 15. bis 19. Oktober einige der wichtigsten Persönlichkeiten der norwegischen Musikszene vor. Das umfangreiche Festivalprogramm zeigt mit Konzerten einen beeindruckenden Querschnitt nordischer Klangwelten (Waldschmidtstraße 4, Internet: www.mousonturm.de).
Am 12. Oktober ist im Schauspiel Frankfurt die Premiere von Ibsens 1866 entstandenem Drama „Brand“, und am 16. und 17. Okto­ber ist dort als Gastspiel des Nationaltheatret Oslo Ibsens „Nordische Heerfahrt“ zu erleben. In einer Inszenierung von Luk Perceval spielt das Norske Teatret am 23. und 24. Oktober die preisgekrönte „Trilogie“ von Jon Fosse. Außerdem auf dem Programm: „Wieder da“ des Gegenwartsdramatikers Fredrik Brattberg (www.schauspielfrankfurt.de).
Diesen Monat zeigt das Deutsche Filminstitut & Filmmuseum einen Überblick über das norwegische Filmschaffen von der Stummfilmzeit bis in die Gegenwart, welche die Okkupationsgeschichte Norwegens, seine Landschaft und die Kultur der Samen in den Mittelpunkt rückt. Neben Literaturverfilmungen von Henrik Ibsen und Knut Hamsun stehen die reiche Kinder- und Jugendfilmproduktion auf dem Programm sowie mit „Die jungen Sünder“ auch jener Film , in dem Norwegens Schauspiel-Ass Liv Ullmann erstmals groß auftrat (Schaumainkai 41, www.dff.film).
Noch bis zum 19. Januar bewegt sich das Deutsche Architekturmuseum „In Norwegischen Landschaften“. Dabei geht es um die architektonische Tradition des Landes, die mit ihrer Holzbauweise auf die Betonung haptischer und räumlicher Erlebnisse setzt und die Beziehung zwischen Gebäude und Landschaft reflektiert (Schaumainkai 43, Internet: www.dam-online.de).
Norwegische Fotografie präsentiert das Fotografie Forum Frankfurt noch bis zum 12. Januar. Zwei Künstler beschäftigen sich dabei mit dem Wesen und Wirken des Lichts (Braubachstraße 30–32, www.fffrankfurt.org).
Außerhalb von Frankfurt zeigt das Düsseldorfer Kunstmuseum K20 die Schau „Edvard Munch – gesehen von Karl Ove Knausgård“. Vom 12. Oktober bis
1. März 2020 präsentiert die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mit rund 140 selten oder noch nie in Deutschland gezeigten Werken den „unbekannten“ Edvard Munch. Ausgewählt hat die Gemälde, Druckgrafiken und Skulpturen Karl Ove Knausgård. Der international gefeierte norwegische Schriftsteller erlangte Weltruhm mit seiner sechsbändigen autobiografischen Romanserie, die in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt wurde. Sein sehr persönlicher Blick eröffnet eine frische Perspektive auf den wohl bedeutendsten Künstler der skandinavischen Avantgarde um 1900 (Grabbeplatz 5 in Düsseldorf, Internet:  www.kunstsammlung.de).
Für alle, die die Buchmesse verpassen, ist das eine gute Gelegenheit, das Kulturland Norwegen kennenzulernen.    Harald Tews

Norwegens Seele in einem Gedicht

Das Motto der Buchmesse lautet diesmal „Der Traum in uns“. Dabei handelt es sich um ein Zitat aus dem Gedicht „Det er den draumen“ („Das ist der Traum“) des Norwegers Olav H. Hauge (1908–1994), das dieser 1966 auf dem Höhepunkt seines Schaffens in einer Sammlung mit dem an warägische Welterkundungen erinnernden Titel „Tropfen im Ostwind“ veröffentlichte.
Der Dichter lebte lange zurück­gezogen auf einem von den Eltern ererbten Apfelhof als Gärtner und war mit Ende 30 als Übersetzer von Gedichten aus dem Englischen, Deutschen und Französischen sowie dadurch angeregt als eigenständiger nordischer Poet hervorgetreten. Blieben erste Werke noch ganz der Tradition verhaftet, gelangte er bald zu seiner auf alten Texten und archaischen Dialekten fußenden eigenen Formensprache, mit der er vor allem in Naturdarstellungen die Grundlage der modernen Poesie Norwegens schuf.
Die im „Traum“ dargestellte Verbindung von Traum und Wirklichkeit samt der Erschließung einer unbekannten Welt mit einem Boot, das im Norden seit Urzeiten gleichermaßen Alltagsfortbewegungsmittel wie Kultgegenstand war, erreicht bis heute die Seelen der Norweger. Entsprechend be­gegnen ihnen diese Zeilen bei den unterschiedlichsten Anlässen im Lebenslauf, von der Konfirmation über die Hochzeit bis hin zur Beerdigung, was wiederum zu ihrer weiten Bekanntheit beiträgt. Genau 50 Jahre nach ihrer Veröffentlichung wählten sie die Zuschauer des Norwegischen Fernsehens Hauges „Traum“ zu ihrem Lieblingsgedicht. Denn tatsächlich findet Norwegens Seele ihren Platz in genau elf Zeilen: So lang ist das Gedicht.
Die von Hauges Œuvre ausgehende Faszination reichte rasch weit über seine Heimat hinaus – Teilübersetzungen liegen inzwischen in 25 Sprachen vor. Eine Einführung in ihre Bedeutung und eine poetische Übertragung des gesamten Gedichtes ins Deutsche fehlen leider bisher, sodass hier am Ende versucht werden soll, dieses nachzutragen. Möge Hauges Seelenbild viele Menschen auf die Literatur des Landes am Nordweg aufmerksam machen.    Thomas W. Wyrwoll

Olav H. Hauge, „Der Traum in uns“:
Das ist der Traum in uns / dass Wunderliches sei, / dass dies sein muss: / die Zeit sich öffne / das Herz sich öffne / Türen sich öffnen / der Berg sich öffne / Quellen entspringen. / Der Traum sich öffnet / und wir in einer Morgenstunde gleiten / in eine unbekannte Bucht.
(Übertragung aus dem Norwegischen: Thomas W. Wyrwoll)

 


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