Libyenkrieg vor der Entscheidung?

Feldmarschall Chalifa Haftar könnte als Sieger aus der Auseinandersetzung hervorgehen

17.09.18
Kontrolliert angeblich bereits neun Zehntel des Landes: Chalifa Haftar Bild: Imago

Eine der streitenden Mächte scheint den Bürgerkrieg in Libyen für sich entscheiden zu können. Sie ist personifiziert in der Gestalt des Feldmarschalls Chalifa Belqasim Haftar.

Seit dem Jahre 2011 herrscht in Libyen Krieg. Zunächst zertrümmerte die NATO das Land, um zu verhindern, dass es weiterhin eine eigenständige Außenpolitik betreibt und dass seine Wirtschaft sich soweit entwickelt, dass sie – wenn auch nur auf einigen Gebieten – zur Konkurrenz wird. Vor allem aber galt es, dem Versuch einen Riegel vorzuschieben, in der Region einen Golddinar einzuführen, der von der Weltbank und anderen westlichen Institutionen zu unabhängig gewesen wäre.
Als diese Ziele erreicht waren, zog sich die NATO zurück, der Krieg aber dauerte an. Er setzte sich fort in der Form einer der unseligen Stammesfehden, die den Fortbestand der westlichen Kriegsziele garantierte, nämlich das Land im Mittelalter zu halten. Jetzt aber scheint eine der streitenden Mächte den Bürgerkrieg für sich entscheiden zu können. Sie ist personifiziert in der Gestalt des Feldmarschalls Chalifa Belqasim Haftar.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Staaten dieser Erde hat Libyen gleich zwei offizielle Armeen: die Nationale Libysche Armee (LNA) im Nordosten und die Libysche Armee (GNA) im Westen. Deren militärischer Befehlshaber ist Fayiz as-Sarradsch. Die vom Westen und den UN eingesetzte Marionette, kann, wenn sie in Tripolis auf ein hohes Minarett steigt, fast das ganze Gebiet überschauen, in dem man auf ihre Stimme hört. Nicht einmal die Hauptstadt gehört zur Gänze dazu.
Gegenspieler von as-Sarradsch ist der militärische Befehlshaber der LNA, Haftar. Der von deutschen Medien in diesem Frühjahr bereits Totgesagte stammt aus dem libyschen Osten, wo sich einst der Widerstand gegen Muammar al-Gaddafi organisierte, nicht ohne entscheidende Hilfe von außen. So hatte sich denn auch Haftar zunächst beim Sturz des Machthabers vom Westen einvernehmen lassen, jedoch nicht auf Dauer. Schon bald trieb er sein eigenes Spiel und kontrolliert heute mit der LNA in absehbarer Zeit womöglich das ganze Land.
Doch muss man hierbei Abstriche machen. Das wirtschaftliche und politische Geschehen spielt sich im Wesentlichen in Libyens Norden ab, in einem Streifen, der sich der Küste entlang zieht. Er teilt sich in Tripolitanien, das stark berberisch geprägt ist, und in den rein arabischen Osten um die Cyrenaika. Der Süden, dünn besiedelt von den hamitischen Tubu, nimmt wenig Anteil an den Auseinandersetzungen, wenn man von einem zurückliegenden Gemetzel der Berber an den Wüstenstämmen absieht. So bezweifelt ein Kenner des Landes, der russische Botschafter Weniamin Popow, denn auch die 90 Prozent, die Haftar laut manchen Quellen vom libyschen Territorium kontrolliert: „Libyen ist ein riesiges Territorium, dessen größter Teil in der kaum besiedelten Wüste liegt. Im Süden kann überhaupt niemand etwas kontrollieren – dort gibt es andere Kräfte und andere Stämme.“ So entscheidet sich die Frage nach dem Besitz der Macht in Libyen zwischen den Regionen und Stämmen an der Küste.
Doch selbst wenn es Haftar mit seiner LNA gelingen sollte, as-Sarradsch aus der Hauptstadt Tripolis zu vertreiben, so steht er dann vor dem Problem der internationalen Anerkennung. As-Sarradsch ist zwar ohne jede Beteiligung libyscher Autoritäten von außen inthronisiert worden, doch gilt er international als anerkannt. Haftar dagegen darf vielleicht für sich beanspruchen, die Mehrheit der Libyer zu vertreten, aber das interessiert bei den Vereinten Nationen nicht.
Doch die internationale Gemeinschaft wäre, gesetzt der Fall, er hätte seinen Widersacher in Tripolis endgültig besiegt, noch nicht einmal das drängendste Problem Haftars, gibt es doch noch einen dritten Anwärter auf die Macht im Lande, der keinem der beiden anderen nahesteht: Saif al-Islam al-Gaddafi, einer der Söhne des ermordeten Obersten Gaddafi. Der heute 46-Jährige war vom Internationalen Strafgerichtshof mit der konturenlosen Anklage des Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt worden, doch eine der libyschen Milizen nahm ihn gefangen, ohne ihn nach Den Haag auszuliefern. Später kam er wieder frei. Und er hat sich geschworen, den Tod seines Vaters zu rächen. Dazu sieht er es als seine Aufgabe an, Libyen als einheitlichen, friedlichen Staat wiederherzustellen, wie es das zur Zeit seines Vaters gewesen ist.
Gegebenenfalls kann er dabei auf Hilfe aus Moskau rechnen. Der Präsident der russischen „Gesellschaft für die Freundschaft und Zusammenarbeit mit den arabischen Ländern“, Wjatscheslaw Matusow, sagt: „Für Russland ist es wichtig, dass die politische Macht wiederhergestellt wird, damit sich das Land nicht in ein Nest von Terroristen verwandelt, die gerade von Syrien nach Libyen flüchten. Am Ende werden das sowohl die Italiener als auch die Franzosen und die Amerikaner einsehen.“
Mag sein, doch damit ist eine Rivalität zwischen Haftar und Gaddafi vorgezeichnet. Zu lösen wäre diese nur, indem man Politik und Militär voneinander trennt. Matusow schlägt vor: „Die politische Basis bildet das Parlament, und die militärische Basis die LNA.“ Freilich stellt sich die Frage, ob an der Spitze eines Landes wie Libyen mit seinem islamischen und afrikanischen Selbstverständnis Platz für zwei starke Männer ist. Die Erfahrung jedenfalls spricht dagegen.
Was Europa angeht, so gilt mehr denn je die Prophezeiung, die Gaddafi senior unter dem westlichen Bombenhagel vor seinem Tod gemacht hat: „Hört, ihr Völker der NATO. Ihr bombardiert eine Mauer, die bisher der afrikanischen Migration nach Europa und den Terroristen der al-Kaida standgehalten hat. Diese Mauer ist Libyen und ihr seid dabei, sie zu zerbrechen. Welche Narren ihr seid! Ihr werdet dafür in der Hölle schmoren, dass ihr diese Lawine von Migranten aus Afrika zugelassen und al-Kaida unterstützt habt!“    Florian Stumfall


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