»Maos Bibel« wurde mit Blut geschrieben

Chinas »Sprung nach vorn« brachte Leiden ohne Ende

30.09.19
Vor 70 Jahren: Mao Tse-tung ruft die Volksrepublik China aus Bild: Lehtikuva

Am 1. Oktober vor 70 Jahren proklamierte Mao Tse-tung die Volksrepublik China und löste bei den Linken im Westen Begeisterungsstürme aus. Die brutalen, mit aller Gewalt durchgezogenen Reformen während seiner Regierungszeit kosteten zwischen 40 und 70 Millionen Menschen das Leben.

Der Große Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) war kein großer Redner. Stockend, sich immer wieder räuspernd, sprach er vom Söller am Tor des Himmlischen Friedens zu den wohl 100000 Menschen, die sich auf dem Tian’anmenplatz versammelt hatten. Jubel brandete auf, als Mao rief: „Unsere Nation wird nie wieder eine gedemütigte Nation sein. China hat sich erhoben.“ Das Volk antwortete in Sprechchören: „Lang lebe der Vorsitzende Mao.“
Mao Tse-tung wurde in eine Zeit der Rechtlosigkeit und Gewalt geboren. 100 Jahre Fremdherrschaft und Kriege hatten das Land zu einem Armenhaus gemacht. Die Dynastie der Qing-Kaiser lag in Agonie. In diesem Machtvakuum schickten Warlords ihre Milizen durch die Provinzen. Die Landbevölkerung wurde tyrannisiert, ihrer Lebensmittel und des Saatguts beraubt. Banden marodierten auch in Hunan, wo Mao am 26. Dezember 1893 als Sohn einer wohlhabenden Bauernfamilie geboren wurde. Sein Name Tse-tung bedeutet „Wohltäter des Volkes“. Mao besaß keine höhere Schulbildung, befass­te sich aber früh mit dem Marxismus und Bolschewismus. Die Revolution nach dem Vorbild Russlands erschien ihm als einzige Möglichkeit, das Volk von der Ausbeutung durch Großgrundbesitzer zu befreien. 1921 trat er der in Schanghai gegründeten Kommunistischen Partei Chinas bei.  
China war seit 1912 Republik unter Führung der nationalistischen Partei Kuomintang. 1927 kam es zum Krieg der Roten Armee unter Maos Kommando und den starken Truppen von General Tschiang Kai-schek, der seit 1925 an der Spitze der Koumintang stand. Mao verschanzte sich mit seinen Anhängern in den Bergen und griff nach Partisanenmanier aus dem Hinterhalt an.
Der Bürgerkrieg dauerte von 1927 bis 1949. Als sich die Niederlage Tschiangs abzeichnete, rief Mao die Volksrepublik China aus. Als Vorsitzender der Kommunistischen Partei lag alle Macht in seinen Händen.
Mao war bei der Gründung der Volksrepublik Mitte 50 und gesundheitlich geschwächt. Zeitweise verkündete er seine Kampagnen und Jahrespläne vom Bett aus. Seine erste Reform sollte die feudale Struktur der Landwirtschaft beenden. 85 Prozent der Chinesen waren Bauern und Landlose im Dienst von Großgrundbesitzern. Die Ackerflächen vieler Bauern waren so klein, dass sie eine Familie nicht ernähren konnten. Nach dem 1950 beschlossenen Bodenreformgesetz wurden Gutsherren enteignet und ihre Ländereien verteilt. Die früheren Besitzer wurden in Schauprozessen zum Tode verurteilt, sofern sie nicht rechtzeitig geflohen waren. Kollektive bewirtschafteten die Felder.
Mit Unterstützung der Sowjet­union trieb Mao die Industrialisierung voran. Er kaufte komplette Fabriken bei den Sowjets und bezahlte mit Getreide, das den Bauern abgepresst wurde. Hungersnöte waren die Folge.
Durch den Mangel an gut ausgebildeten Arbeitern, durch Korruption und durch die Unfähigkeit der alles lenkenden Funktionäre blieben die versprochenen Erfolge aus. Immer häufiger übten Parteigenossen Kritik an Maos Maßnahmen. Widersacher ließ er kaltstellen oder hinrichten. Mitte der 60er Jahre brach Mao mit der Sowjet­union. Der „Bruderstaat“ und Rivale um die Oberhoheit im Kommunismus wurde offiziell zum Feind erklärt.
Die schlimmste Leidenszeit des chinesischen Volkes begann mit der Ausrufung des „Großen Sprungs nach vorn“. Mao verkündete 1957, dass China „in 15 Jahren Großbritannien wirtschaftlich überholen“ werde. Den Lohn für „drei Jahre Entbehrung“ sollten „1000 Jahre Wohlstand“ bringen. Zum Bau von Staudämmen und Bewässerungsprojekten wurden die Landbewohner zur Zwangsarbeit verpflichtet. Die Felder wurden nicht mehr bestellt, Millionen Menschen verhungerten oder ertranken in den Fluten von gebrochenen Dämmen. In vielen Dörfern gab es keine Frauen und Kinder mehr, weil sie zu schwach für schwere Arbeit waren und nur die Männer Rationen an Reis und Gemüse erhielten.
Um die immer lauter werdende Kritik an seiner Person zu ersticken, rief Mao 1966 die „Große Proletarische Kulturrevolution“ aus. Das Land sollte „zerstört und neu aufgebaut werden“. Vermeintliche Konterrevolutionäre wurden gejagt, Kinder sollten ihre Eltern denunzieren, Frauen ihre Männer. China versank in einem Blutbad. Die Roten Garden, meist radikalisierte Schüler und Studenten, zogen mordend durch das Land. Kulturdenkmäler von unschätzbarem Wert wurden zerstört.
Während die Menschen in China unsäglich litten, erreichte der Mao-Kult in der Bundesrepublik seinen Höhepunkt. Für die Studenten der 68er-Bewegung war die Lektüre eines roten Büchleins mit Plastikeinband wie eine Erleuchtung. Die goldenen Worte der „Mao-Bibel“ gehörten zum geistigen Marschgepäck jedes Revoluzzers gegen die Herrschaft der Bourgeoisie.
Die Roten Garden wüteten fast zehn Jahre lang. Der gemäßigte Ministerpräsident Tschu En-lai leitete das Ende der Kulturrevolution und eine Öffnung nach Westen durch die sogenannte „Ping-Pong-Diplomatie“ ein. Auftakt war die Einladung der US-amerikanischen Tischtennismannschaft nach Peking. 1972 besuchte US-Präsident Richard Nixon China. Die USA erkannten die Volksrepublik als Staat an.
Nach langer Krankheit starb Mao Tse-tung am 9. September 1976. Verantworten für die Gräueltaten musste sich die Viererbande, zu der auch seine vierte Frau Jiang Qing gehörte. Unter Deng Xiaoping begann Ende der 70er Jahre der Aufstieg Chinas zur Wirtschafts- und Industriemacht. Eine Aufarbeitung der Schreckensherrschaft Maos ist nie erfolgt. Seine Verehrung ist immer noch von Staats wegen angeordnet. Ein überdimensionales Porträt schmückt den Eingang zur Verbotenen Stadt. Seinen Platz in der Geschichte des 20. Jahrhunderts hat Mao eingenommen. Er steht Seite an Seite mit den Menschenschlächtern Adolf Hitler und Josef Stalin.    Klaus J. Groth


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