Mauerfall und neue Gesichter

Grenzöffnung am 9. November 1989 – Bundestag sang Nationalhymne – Mielke: »Ich liebe doch alle«

07.11.19
Grenzöffnung an der Bornholmer Straße: DDR-Bewohner überwinden die Absperrung Bild: imago images/Camera4

Auf der Leipziger Montagsdemonstration am 13. November 1989, an der sich etwa 200000 Menschen beteiligten, war auf einem Transparent zu lesen: „Die Mauer hat ein Loch, aber weg muss sie doch!“

Reisefreiheit und das damit verbundene Ende des DDR-Grenzregimes waren zwar von Anfang an Anliegen der Proteste, aber die Behauptung, die Mauer habe ein „Loch“, wäre noch eine Woche zuvor falsch gewesen. Der Fall der Mauer, um den es sich dabei faktisch handelte, war für jeden Einzelnen die sicht- und spürbarste Veränderung dieser Tage, zugleich ein sicheres Zeichen dafür, dass das SED-Regime am Ende war. Der Ruf „Deutschland einig Vaterland!“ ließ sich in der Folge dieses Ereignisses von einigen Demonstranten auch schon vernehmen. Allerdings handelte es sich hier noch um eine Minderheit, der von anderen bedeutet wurde, dass dies zunächst kein vorrangiges Ziel sei.
Reisen in die CSSR waren bereits seit dem 1. November wieder möglich. Ziel der weitaus meisten, die sich in Richtung Prag aufmachten, war es, über die Botschaft in die Bundesrepublik auszureisen. Schließlich wurde die Grenze der CSSR zur Bundesrepublik geöffnet. Allein am ersten Novemberwochenende verließen auf diesem Weg über 23000 Menschen die DDR. Die Massenausreise hielt an, im Wirtschaftsleben machten sich die personellen Lücken bereits deutlich bemerkbar.
Am 7. November trat der DDR-Ministerrat unter seinem Vorsitzenden Willi Stoph zurück. Das Kabinett blieb kommissarisch im Amt. Sein letzter offizieller Akt war die Abschaffung des in den Schulen erteilten Wehrkundeunterrichts, der ideologisch aufgeladen war und bereits Jugendliche in einem Wehrlager vormilitärisch ausbildete. Wenig später trat auch das Politbüro des Zentralkomitees (ZK) der SED, das eigentliche Machtzentrum der DDR, geschlossen zurück. Eine Reihe von Mitgliedern wurde dauerhaft entfernt, allen voran Staatssicherheitsminister Erich Mielke. Andere stellten sich im ZK einer Wiederwahl und verblieben im Amt, so auch Egon Krenz. Dieses Gebaren rief inzwischen auch Tausende von unzufriedenen SED-Mitgliedern auf den Plan, die für umfassende Veränderungen in ihrer Partei eintraten.
Das in Teilen neue Politbüro verständigte sich in einer Mittagspause während der ZK-Plenartagung am 9. November über die nach wie vor dringend erforderliche Reisereglung. Die Einwohner der DDR, die in der Regel nur Personalausweise besaßen, hätten danach Pässe beantragen müssen, die Modalitäten sollten einen Tag später bekannt gegeben werden. Die entsprechende Pressemitteilung verlas das sichtlich irritierte Politbüromitglied Günter Schabowski jedoch schon auf einer Pressekonferenz am selben Abend. Seine auf Nachfrage erteilte Auskunft, dass die Regelung sofort in Kraft trete, führte dazu, dass sich eine große Zahl von Menschen in Berlin zu den Grenzübergängen begab. Die Grenzposten – und mit ihnen das Regime – kapitulierten. Sie sahen keine andere Möglichkeit, als die Grenzen zu öffnen. Die Frage nach den eigentlich erforderlichen Pässen stellte sich nicht mehr. Erwogen wurde, sich derjenigen, welche die Grenze an diesem Abend überschritten und die von der Staatssicherheit als besonders unzufrieden und „unzuverlässig“ eingestuft wurden, dauerhaft zu entledigen, indem man auf dem Foto in deren Personalausweisen einen Stempel platzierte. Damit wäre das Dokument nach Lesart der DDR-Behörden ungültig gewesen. Die Menschen wären ohne ihr Wissen ausgebürgert worden und hätten nicht zurückkehren dürfen. Durchhalten ließ sich dieses Vorgehen nicht. Dass sich in den nächsten Tagen Unmengen von DDR-Bewohnern aufmachten, um den ihnen bislang weitgehend verschlossenen Westteil ihres Landes zu erkunden, war dann wenig überraschend. Von großen, sichtbaren Emotionen begleitet, war der Fall der Mauer ohne jegliche Gewalt erfolgt.
Im Bundestag war auf die Nachricht von der Grenzöffnung hin die Nationalhymne angestimmt worden. Bundeskanzler Helmut Kohl unterbrach – zum Unmut der Gastgeber – seinen Staatsbesuch in Polen, um am 10. November in West-Berlin zu sprechen. In einer der unwürdigsten Szenen der Geschichte dieser Tage wurde er von einer großen Zahl von Demonstranten ausgepfiffen.
In der DDR traten umfassende  personelle Veränderungen ein. Der Rechtsanwalt Lothar de Maizière wurde Vorsitzender der dortigen CDU, die als Blockpartei die SED-Politik unterstützt und mitgetragen hatte. Die Volkskammer wählte mit dem Vorsitzenden der Bauernpartei, Günther Maleuda, einen Präsidenten, der nicht der SED angehörte. Aus dieser stammte allerdings wieder der neue Vorsitzende des Ministerrats, Hans Modrow. Er galt, nach den Maßstäben seiner Partei, schon länger als für Reformen aufgeschlossener Kritiker.
In einer Volkskammersitzung mussten sich verschiedene, inzwischen ihrer Posten enthobene Verantwortungsträger einer für sie ungewohnten Aussprache stellen. Bekannteste Szene sollten die armseligen Worte Mielkes werden, der auf den Hinweis, er solle doch nicht alle mit „Genossen“ ansprechen, hervorbrachte: „Aber ich liebe doch alle, alle Menschen.“ Erik Lommatzsch


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