Überseehafen an der Spree

Berlin entdeckt »Europa und das Meer« – Frische Brise im Deutschen Historischen Museum

04.01.19
Stürmische See: Carl Gustav Carus, Brandung bei Rügen (1819)

Berlin liegt gut 200 Kilometer vom Meer entfernt. Grund genug für das Deutschen Historische Museum (DHM), den Berlinern die See mal vorzustellen. Mit der Ausstellung „Europa und das Meer“ betrachtet das DHM den europäischen Kontinent erstmals vom Meer aus.
Man betritt die auf zwei Etagen errichtete Schau auf der unteren Ebene und wird quasi auf Normalnull von Meeresrauschen und einer Skulptur der Europa aus der Antikensammlung empfangen. Weiße Nylonschnüre bilden rechts und links des Weges Vorhänge. Vielleicht sollen sie die küstensäumende Gischt darstellen, die den Besucher zu den einzelnen Themen-Häfen führt.
2500 Jahre maritime Kulturgeschichte wird entlang bedeutender Hafenstädte wie Venedig, Danzig, Sevilla, Lissabon, Amsterdam, Nantes, London, Bremerhaven, Bergen, Kiel und Brighton aufgespannt. Die Sonderschau mit ihren etwa 400 Exponaten, darunter zahlreiche Leihgaben, auf 1500 Quadratmetern präsentiert sich in vier Hauptkapiteln.
Ausgehend von der Antike über den Athener Hafen Piräus geht es zum Prototyp der modernen Seemacht, der Republik Venedig. Hier ist ein Modell einer goldenen Barke, des letzten „Bucintoro“ zu sehen. Ein Staatsschiff der Dogen von Venedig. Gleich gegenüber lockt der für die Hanse so bedeutende Hafen von Danzig. Ausgestellt wird der Inhalt eines in den 1970er Jahren am Eingang der Danziger Bucht gefundenen Schiffswracks aus dem 15. Jahrhundert. An Bord befanden sich typische Hansewaren wie Kupferplatten, Eisenstangen und Holzplanken.
Beim Aufstreben der Seenationen ging es auch um die Herrschaft über die Meere. Kontinente zu entdecken und zu erobern, war das Ziel der europäischen Seemächte. Für die eroberten Völker bedeutete das Unterdrückung und Fremdherrschaft.
Eindrucksvoll zeigen Abbildungen von Sklavenschiffen, wie eingeengt die „Ware“ Mensch unter Zwang in die neuen Kolonien ge­bracht wurde im Austausch ge­gen Kulturgüter wie Kaffee, Zucker und Baumwolle. Europa war bis ins 19. Jahrhundert ein Auswanderungskontinent, aus dem Millionen in die „Neue Welt“ reisten, um fern der Heimat ein neues Leben zu beginnen. Heute ist Europa selbst zum Einwanderungskontinent geworden.
Moderne Technik ermöglichte die Nutzung maritimer Ressour­cen. So geht es im norwegischen Bergen um die Ölgewinnung aus dem Meer. Auch das Thema Meeresverschmutzung kommt nicht zu kurz. Unangenehm beeindruckt steht man vor einer mannshohen Säule aus durchsichtigem Plastik, gefüllt mit Meeresmüll.
Am Ende erst wird das Meer zum Bade- und Imaginationsort. Sowohl in der Kunst in Form von Gemälden als auch mittels Plakaten bekannter Badeorte, kann man sich nun dem Thema Tourismus widmen. Alte Badekostüme aus dem Fundus des DHM ziehen die Blicke auf sich.
Urlaub am Meer ist eine europäische Erfindung, wenn auch historisch eine recht späte. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde das britische Brighton ein von Adligen und Großbürgern besuchtes Seebad und Vorbild für die Badekurorte an Ost- und Nordsee.
Auch Utensilien aus dem Seemannsalltag sind zu bewundern. So ein Schiffszwieback von 1784, der nur „überlebte, weil sein Besitzer eine Widmung an seine Liebste darauf einritzte. Und wer hätte gedacht, dass das Sprichwort „den Löffel abgeben“ aus dem nautischen Bereich stammt. Ein ausgestellter Löffel erinnert daran. Seeleute, die nach ihrem Tod im Meer bestattet wurden, hatten ihren Löffel für immer abgegeben.    Silvia Friedrich

„Europa und das Meer“ läuft bis 6. Januar im DHM, Unter den Linden 2, geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr. Der Katalog vom Hirmer Verlag mit 448 Seiten und 415 Abbildungen kostet 35 Euro. Internet: www.dhm.de


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