Zufrieden, aber pessimistisch

Die Gegenwart empfinden viele Deutsche als finanziell weniger problematisch als die Zukunft

12.11.19
Kommentierte das von seinem Haus auch dieses Jahr wieder präsentierte sogenannte Vermögensbarometer: Helmut Schleweis, seit vergangenem Jahr Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) Bild: Deutscher Sparkassen- und Giroverband

Die finanzielle Zufriedenheit der Deutschen hat laut einer Studie einen neuen Höchststand erreicht und zieht sich durch alle Altersgruppen. Aufgrund der eher düsteren wirtschaftlichen Prognosen neigen die Bundesbürger aber zum Sparen.

„Die Deutschen legen seit Jahren eine robuste Sparkultur an den Tag. Damit trotzen sie beharrlich fast allen welt- und geldpolitischen Krisen“, sagte Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), bereits im Vorjahr. Das Institut präsentiert jährlich das sogenannte Vermögensbarometer. Angesichts der schlechten konjunkturellen Aussichten hatten viele mit einer negativen Stimmung gerechnet. Das scheint aber nicht der Fall zu sein.
Demnach beurteilen 43 Prozent ihre gegenwärtige finanzielle Situation als „gut“ oder „sehr gut“, nur 18 Prozent als „eher schlecht“ oder „schlecht“. Das ist das beste Ergebnis seit der erstmaligen Erstellung des jährlichen Vermögensbarometers der Sparkassen im Jahr 2005. Damals bewerteten nur 20 Prozent ihre finanzielle Lage als gut oder sehr gut und 33 Prozent als schlecht oder eher schlecht. „Die stabile gesamtwirtschaftliche Lage der vergangenen Jahre zeigt hier sicherlich ihre Auswirkungen“, so der DSGV-Präsident.
Die diesjährige Umfrage wurde von Mai bis Juni 2019 durchgeführt. Befragt wurden 5806 Menschen ab dem Alter von 14 Jahren in ganz Deutschland, wobei auf jedes Bundesland mindestens 300 Befragungen entfallen. Von den 5806 Einzelbefragungen wurden 1000 telefonisch und 4806 online geführt. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist in dieser Frage nicht sehr ausgeprägt. Männer bezeichnen ihre finanzielle Situation zu 43 Prozent als (sehr) gut, Frauen zu 41 Prozent. Sehr wohl gibt es in dieser Frage jedoch Unterschiede zwischen den einzelnen Altersgruppen: Jüngere sind häufiger mit ihren Finanzen zufrieden oder sehr zufrieden. So liegt dieser Anteil bei den 14- bis 29-Jährigen bei überdurchschnittlichen 48 Prozent, bei den 30- bis 39-Jährigen sogar bei 51 Prozent. Die 40- bis 49-Jährigen liegen etwa im Durchschnitt. In der zweiten Lebenshälfte äußern sich weniger Menschen (sehr) zufrieden: Bei den 50- bis 59-Jährigen sind es nur noch 37 Prozent, bei den Menschen ab 60 sind es 38 Prozent.
Der anhaltende Niedrigzins beeinflusst die Menschen allerdings in stärkerem Maße als in den Vorjahren. Für 44 Prozent spielt er eine (sehr) wichtige Rolle bei Geldanlageentscheidungen. Exakt 40 Prozent haben ihr Sparverhalten an die Niedrigzinsen angepasst, wobei mit 46 Prozent knapp die Hälfte aus dieser Gruppe mit der Wahl anderer Anlageprodukte reagiert hat oder reagieren will. Das gilt überdurchschnittlich oft für Menschen mit höherem Einkommen oder Vermögen.
Erstmals nehmen Aktien den ersten Rang ein bei der Frage, welche Geldanlagen in der Niedrigzinsphase geeignet sind. Auf Platz zwei stehen wie im Vorjahr Investment- und Immobilienfonds. Immobilien, bislang auf Rang eins, sind 2019 auf den dritten Platz abgerutscht.
Interessante Erkenntnisse liefert eine Neuerung: Die Forscher haben die Antworten dieses Jahr erstmals auch nach Wohnlage aufgeschlüsselt in die vier Kategorien „Innenstadt“, „Vorstadt“, „ländlich, aber in Stadtnähe“ sowie „ländlich, weit ab von der Stadt“. Während in den städtischen oder stadtnahen Wohnlagen sich alle Befragten ähnlich zufrieden mit der persönlichen finanziellen Situation zeigten, sieht es auf dem Land offenbar deutlich anders aus: Dort beurteilten nur 31 Prozent die eigene Lage als „gut“ oder „sehr gut“. Knapp jeder vierte dort sieht seine Finanzen dagegen als „eher schlecht“ oder „schlecht“ an.
Schleweis sieht hier nicht nur die Gesellschaft, sondern vor allem die Politik in der Verantwortung: „Sie muss mit dezentralen Strukturen und gelebtem Föderalismus helfen, die Unterschiede zu minimieren oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Und sie muss selbsttragende Strukturen ermöglichen und unterstützen.“ Er fordert solide Rahmenbedingungen für ein nachhaltiges und gerecht verteiltes Wachstum: „Damit wären auch die Weichen für eine Normalisierung der Geldpolitik gestellt. Und Sparer könnten endlich wieder mit Ertrag sparen.“
Größte Sorge unter den Befragten ist nach wie vor die Altersarmut. Mit Altersarmut rechnen vor allem die Menschen in den Innenstädten und in stadtfernen ländlichen Gegenden. Von den sechs Zehnteln der Befragten, die an der Wirksamkeit ihrer Altersvorsorgemaßnahmen zweifeln, ist das etwa jeder Dritte.
Bei der Frage nach der finanziellen Lage lässt sich zudem ein kleines West-Ost-Gefälle beobachten: Den geringsten Anteil an „gut“- oder „sehr gut“-Antworten haben die neuen Bundesländer Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit jeweils 38 Prozent – also fünf Prozentpunkte unter dem Bundesdurchschnitt. Allerdings: Die Unterschiede zwischen Ost- und Westbundesländern sind nicht so ausgeprägt wie die Differenzierung nach Wohnlage. „Altersarmut ist nach wie vor eine zentrale Sorge und auf dem Land schätzen die Menschen ihre Situation schlechter ein als in der Stadt. Das sind die beiden zentralen Aussagen“, so Schleweis. Peter Entinger


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Kommentare

Jan Lohgruber:
12.11.2019, 07:26 Uhr

"Er fordert solide Rahmenbedingungen für ein nachhaltiges und gerecht verteiltes Wachstum"
...also mit anderen Worten die Abschaffung des Euro und der EZB.


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